Das Stifterehepaar Kraemer

Sie stammten aus einfachen Verhältnissen und verkehrten später in hohen gesellschaftlichen Kreisen. Auf diesem Parkett bewegten sich Paul R. und Katharina Kraemer aber vor allem dann, wenn sie darin eine Möglichkeit sahen, ihrem Anliegen, Menschen mit Behinderung zu helfen, Gehör zu verschaffen. Die Lebensgeschichte der Stiftungsgründer ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet. Was sie daraus gemacht haben, löst vor allem Bewunderung aus. Bewunderung für zwei Menschen, die im Leben viel von dem erreicht haben, wovon andere träumen, und die zugleich lernen mussten, mit einem Schicksalsschlag umzugehen, den sich niemand wünscht: mit der schweren Behinderung und dem frühen Tod ihres einzigen Sohnes.

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Die große Liebe

Paul Rudolf Kraemer wurde am 13. Mai 1916 in Köln geboren. Im Alter von nicht ganz 14 Jahren trat er als Lehrling in den Goldschmiedebetrieb von Heinrich Pilartz ein. Diese Berufswahl verrät einiges über den jungen Mann: Die Goldschmiedekunst verlangt Kreativität, Phantasie, Geduld und ein ausgeprägtes handwerkliches Geschick, aber auch ein gewisses Maß an körperlicher Kraft, um Arbeiten wie Schmieden, Walzen oder Ziehen bewältigen zu können. Vier Jahre nach seinem Eintritt bei Pilartz legte Paul R. Kraemer die Gesellenprüfung ab. Bis Anfang 1936 blieb er noch im Unternehmen, dann wechselte er zu Wilhelm Gau. Im April 1939 schließlich wurde er zu Deutschlands jüngstem Goldschmiedemeister gekürt. Den Meisterbrief in der Tasche, machte er sich im Februar 1941 mit der „Werkstatt für Goldschmiedekunst“ selbstständig.

Wann genau Paul R. Kraemer seine spätere Ehefrau Katharina kennen lernte, verliert sich im Dunkel der Erinnerungen – es war jedenfalls, wie beide später berichteten, beim Kölner Karneval im Stapelhaus.

Katharina wurde am 14. August 1920 in Köln-Kalk geboren; nach zweijähriger Verlobungszeit heirateten sie und Paul Kraemer im Juni 1943 im „Düxer Dom“. Während ihr Mann zur Front einberufen wurde, führte Katharina Kraemer die Geschäfte zuhause weiter. 60 Jahre später sollten Paul R. und Katharina Kraemer das Fest ihrer Diamantenen Hochzeit genau an dieser Stelle feiern.

Über all diese Jahre standen beide immer fest zueinander, sowohl beruflich als auch privat. Ein Kuss zur Begrüßung, eine zärtliche Berührung – diese äußeren Zeichen ihrer Liebe blieben für beide ebenso wichtig wie das gemeinsame Eintreten für ihre Ziele. Mit Katharina Kraemers Tod im April 2006 wurde dieses Band durchtrennt. Kaum ein Jahr später sollte ihr Paul R. Kraemer folgen.

Ein Schicksalsschlag

Im Januar 1953 brachte Käthe Kraemer den gemeinsamen Sohn Paul Rolf zur Welt. Da er sich zunächst normal zu entwickeln schien, gaben die Eltern voller Freude und Stolz die Geburt ihres „Goldjungen“ und Stammhalters bekannt.

Mit etwa einem halben Jahr jedoch traten mehrfach täglich unerklärliche Krampfanfälle auf. Die Ärzte vermuteten zunächst eine Spasmophilie, eine bei Säuglingen und Kleinkindern nicht unübliche Phase erhöhter Krampftätigkeit. Eine körperliche Ursache konnte jedoch sehr bald ausgeschlossen werden. Möglich war aber wegen des schweren Geburtsverlaufs ein frühkindlicher Cerebralschaden, über dessen Auswirkung zunächst noch keine Prognose möglich war. Ein Arzt in Bonn stellte etwas später eine negative Prognose: Möglicherweise könne Rolf zwar gehen lernen, die Förderung der geistigen Entwicklung sei jedoch wenig aussichtsreich. Selbst zur allernächsten Umgebung könne das Kind keinen psychischen Kontakt aufbauen.

Daraufhin zogen sie 1958 aus ihrem Reihenhaus im Kölner Stadtteil Lindenthal auf ein großzügiges Anwesen in Frechen-Buschbell. Auf diese Weise wollten sie ihrem Kind wenigstens eine gesunde, schöne und barrierefreie Umgebung bieten. Eine Krankenschwester war immer zur Stelle, um die pflegerische Versorgung zu gewährleisten.

Paul und Käthe Kraemer bekamen kein zweites Kind. Wie sehr sie das Schicksal ihres Sohnes Rolf belastete, der 1966 im Alter von nur 13 Jahren starb, lässt sich indes nur erahnen – auch weil das Ehepaar sich anderen nie über seine Erfahrungen und Gefühle mitteilte. Ein äußerst seltenes Dokument ist daher ein Bericht der Berliner Zeitung „BZ“, die 1973 auf die Initiative von Paul und Käthe Kraemer zur Unterstützung behinderter Kinder aufmerksam geworden war. Über den Grund für sein Engagement bei der Lebenshilfe und der eigenen Stiftung sagte Paul Kraemer: „Die Arbeit ermöglicht uns das Vergessen. Wir wollen und können auch heute noch den Gedanken an das Leid und den Tod unseres einzigen Kindes nicht ertragen. Die Begegnung mit den Behinderten erinnert mich immer wieder daran, daß mein Sohn auch in seinem kurzen und beschädigten Leben ein kleines Glück empfinden konnte.”