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Blatt-Gold trifft Raul Krauthausen

Raul Krauthausen ist ein sehr bekannter Aktivist für Inklusion in Deutschland. Inklusion ist wichtig und er kämpft dafür, aber er findet auch, dass man Inklusion nicht immer und überall draufschreiben muss, wo es um Inklusion geht. Raul möchte, dass man zuerst den Menschen sieht und nicht die Behinderung – und das ist auch bei Ela so. Ela spielt die Hauptrolle in dem Kinderbuch, was er mit Adina Hermann geschrieben hat. Da geht es um ein Mädchen im Rollstuhl, dass Astronautin werden will. Das hat Raul Krauthausen bei der lit.COLOGNE vorgestellt. Die Botschaft: Lebe deinen Traum! Nach der Lesung hat er uns ein Interview gegeben, und wir haben mit ihm über das Buch gesprochen, über Inklusion und wen er gerne auf den Mond schießen würde.


Blatt-Gold: „Hallo Raul, in eurem Buch will ein Mädchen im Rollstuhl Astronautin werden und ins Weltall fliegen. Wie seid ihr auf die Geschichte gekommen?

Raul Krauthausen: Meine Kollegin Adina und ich sind beide im Rollstuhl und wir haben ein Kinderbuch geschrieben, das wir als Kinder gerne selber gelesen hätten.

Blatt-Gold: Was war euch wichtig bei eurer Geschichte?
Raul Krauthausen: Wir wollten eine Geschichte schreiben über zwei Freunde und wo einer von beiden zufällig eine Behinderung hat, die gemeinsam Abenteuer erleben, Dinge ausprobieren und dabei auch Grenzerfahrungen machen, die jedes Kind macht, natürlich auch Kinder mit Behinderungen.

Blatt-Gold: Welche Kinderbücher gab es bei euch?

Raul Krauthausen: Bücher, die entweder superlangweilig waren, weil sie das Thema Behinderung behandelt haben und dann immer so bedeutungsschwer waren und teilweise Dinge erzählt haben, die wir so gar nicht erlebt haben, wie Einsamkeit oder Mobbing oder, weil er nicht laufen kann, ist er besonders schlau. Ich war nicht besonders schlau und meine Kollegin, die konnte sehr gut zeichnen, aber das hat ja auch nichts mit ihrer Behinderung zu tun.

Blatt-Gold: Es gibt wenig Figuren in Büchern oder Filmen mit Behinderung. Uns sind nur Klara aus „Heidi“ eingefallen und Kai von den Vorstadtkrokodilen. Hat euch das geärgert?

Raul: Ja, gerade bei Klara ist es so, dass wir nichts über sie erfahren. Und Heidi kümmert sich und kümmert sich und am Ende kann Klara laufen. Das fanden wir eine komische Geschichte, weil es war nie unser großer Traum zu laufen. Und dass Heidi jemanden heilen kann, ist eine gruselige Geschichte. Und bei „Vorstadtkrokodile“ geht es um einen Jungen, der im Rollstuhl sitzt und Außenseiter ist. Und erst, weil er etwas Besonderes beobachtet, findet er überhaupt in der Gruppe Anerkennung und gehört erst dann dazu. Warum muss man eine Heldentat vollbringen, um überhaupt gesellschaftlich anerkannt zu werden?

Blatt-Gold: Welche Stärke von Ela hättest du gerne?

Raul: Ihre Neugier und vor allem die Gabe, sich so viel merken zu können und ihren Mut. Ich habe mehr Angst als Ela.

Blatt-Gold: Wovor?

Raul: Vor Geschwindigkeit zum Beispiel und ich gehe auch nicht so gerne ins Wasser. Da ist Ela mutiger als ich.“

Blatt-Gold: Welche Figur hast du als Kind super gefunden?

Raul: Pippi Langstrumpf – als Charakter. Ich weiß, dass die Geschichte heutzutage ein bisschen problematisch ist, aber ich fand es toll – ein Mädchen mit Superkräften! Ich habe aber auch gerne gelesen: „Wo die wilden Kerle wohnen“. Auch wenn es nur 12 Seiten hat, aber ich war ein faules Kind. Ich habe eher die Hörspiele gehört. Und in Filmen kenne ich bis heute keine guten Kinderfilme, wo das Thema Behinderung vorkommt.

Blatt-Gold: Glaubst du, dass es im Weltall behinderte Aliens gibt?

Raul: Man kann davon ausgehen, dass es Aliens gibt. Die Wahrscheinlichkeit ist zumindest größer, als dass es keine gibt. Das sagt die Wissenschaft. Und wenn es Aliens gibt, dann gibt es garantiert auch welche mit Behinderung. Vielleicht sind die sogar weiter mit der Inklusion als wir.

Blatt-Gold: Wenn du Sterne für Inklusion verteilen könntest, 1 Stern ist schlecht und 10 Sterne sind gut. Wie viel Sterne würdest du geben für Inklusion in Deutschland.

Raul: Das hängt ein bisschen davon ab, welchen Bereich wir uns anschauen. Nehmen wir zum Beispiel den Bereich Schule, würde ich 2 Sterne geben, für Mobilität vielleicht 5 und für Kindergärten vielleicht 6 Sterne. Wenn man das vergleicht mit den USA, da ist Barrierefreiheit im öffentlichen Raum viel weiter. Da hat dann Deutschland eher 2 Sterne. Das ist ein bisschen komplizierter zu beantworten.“

Blatt-Gold: Wen würdest du gerne auf den Mond schießen?

Raul: „Alle Politiker*innen, die immer noch Aussagen machen wie, wir müssen die Barrieren in den Köpfen senken oder Vorurteile abbauen. Wir müssen Barrieren beseitigen, Aufzüge bauen, Untertitel einsetzen und einfache Sprache. Dann entstehen automatisch Begegnungen. Und dann entstehen auch automatisch Lösungen von Vorurteilen. Aber nicht umgekehrt.“

Blatt-Gold: Inklusion ist dann von allen verstanden, wenn man nicht mehr drüber sprechen muss.

Raul: Ja, darum geht es. Und das gilt zum Beispiel auch für Veranstaltungen, wo fast immer darauf hingewiesen wird, wenn sie inklusiv ist oder jemand mit Behinderung dabei ist statt die Besucher*innen damit zu überraschen. Trotzdem brauchen wir das Wort Inklusion, weil es ja auch ganz gut beschreibt, wofür wir kämpfen. Wenn wir immer nur sagen, das Wort ist doof, dann ist der Sache auch nicht geholfen.

Blatt-Gold: Die Menschen müssen das hier oben verstanden haben (zeigt auf seinen Kopf).

Raul: Genau. Und den Satz „Wir sind auf dem Weg“ – den höre ich jetzt auch seit zwanzig Jahren, dass ich mich frage, was für ein Weg war das. Ein Umweg? Ein Rückweg? In der Zeit hätte man so viel machen können. Und ganz schlimm finde ich, dass in dem Diskurs „Inklusion“ inzwischen wieder die Nicht-Behinderten die Federführung haben und definieren, was Inklusion ist und dann wieder diese Floskeln bemühen, dass man sich auf den Weg gemacht hat. Was habt ihr konkret gemacht und was genau müssen wir noch machen? Da kommt dann relativ wenig zur Antwort. Würde man stattdessen die Betroffenen fragen, was getan werden muss, käme man viel weiter, wenn denn es dann umgesetzt werden würde.

Blatt-Gold: Behinderte Menschen, die in Werkstätten arbeiten, verdienen zum Beispiel wenig Geld…

Raul: Warum verdienen sie wenig Geld? Und wer hat diese Regeln gemacht? Nicht-Behinderte. Und wer entscheidet, was in Werkstätten gemacht wird? Nicht-Behinderte. Wer ist die Werkstattleitung? Nicht-Behinderte. Wer ist der Vorgesetzte? Wahrscheinlich jemand ohne Behinderung. Und was produziert ihr? Das, was Nicht-Behinderte gesagt haben. Und wenn dann diese Werkstätten sagen, bei uns schaffen es Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, dann sage ich: Aber wie viele schaffen es bei euch in die Führungsleitung?

Blatt-Gold: Gar keiner.

Raul: Genau. Es gibt Leute, die sagen, dass ich die Werkstätten abgeschafft will. Das habe ich nie gesagt, dass die Menschen keinen Job haben sollen. Es geht darum, dass wir dafür sorgen müssen, dass Werkstätten weniger wichtig werden, dass sie kleiner werden, dass sie an ihren eigenen Abschaffungen arbeiten. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass diese Bedeutungshoheit, was gemeint ist, was gesagt wird, wirklich den Betroffenen überlassen wird. Und dafür kämpfe ich. Ich kämpfe für Menschen wie dich, Ralf. Dass jeder alternative Chancen bekommt.

Blatt-Gold: Du hast das Bundes-Verdienst-Kreuz am Bande bekommen. Wie hast du dich gefühlt und gibt es dir Kraft weiterzumachen?

Raul: Ich war aufgeregt, denn man hat mir gesagt, dass normalerweise das Bundes-Verdienst-Kreuz nur Menschen über 40 bekommen, und ich war damals 36. Das war eine besondere Ehre. Aber ganz ehrlich: Ich würde mich auch ohne Bundesverdienstkreuz engagieren.

Blatt-Gold: Wenn jetzt hier eine Sternschnuppe vorbeifliegen würde, was wäre da dein Wunsch?

Raul: Dass wir Menschen mit Behinderungen glauben, was sie sagen und dann auch ernst nehmen, bei dem was sie sagen und auch in ihrem Sinne handeln.


Interview: Ralf Faßbender und Lara Aldenhoff mit Unterstützung von Anja Schimanke.

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