Jubiläumsschrift 1972-2022 als Volltext

Vorwort von Prof. Dr. med. Hans Josef Deutsch

Vorstandsvorsitzender der Gold-Kraemer-Stiftung

Im Leben eines Menschen ist der 50. Geburtstag oft etwas ganz Besonderes. Vielfach fühlt es sich so an, als habe man die Hälfte eines Weges zurückgelegt. Man blickt zurück und macht sich bewusst, wieviel man erlebt hat, welche prägenden Ereignisse es gegeben hat, und man denkt auch an die Zukunft – was sie bringen wird, was man noch erreichen möchte und vielleicht auch daran, dass das eigene Leben endlich ist.

Genau aus dieser Erkenntnis heraus haben Paul und Katharina Kraemer ihre Stiftung gegründet, denn sie wollten, dass ihr Engagement für Menschen mit Behinderung ihr eigenes Leben langfristig überdauert. Deshalb unterscheidet sich dieses runde Jubiläum unserer Stiftung, das wir unter anderem mit dieser Schrift feiern, vom Geburtstag eines Menschen. Zwar gibt es uns auch Gelegenheit, zurückzublicken und zu fragen, woher wir kommen; vielmehr aber noch ist es für uns Anlass zu bestimmen, wo wir stehen und was wir erreichen wollen, um dem Auftrag des Stifterehepaars dauerhaft gerecht zu werden.

Aus diesem Grund finden Sie, liebe Leser*innen, in dieser Jubiläumsschrift nicht nur eine Chronik der vergangenen 50 Jahre, sondern wir laden Sie ein, insbesondere auch die Gegenwart unserer Arbeit kennenzulernen, die sich an unserem wesentlichen Ziel orientiert: mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderung. Und weil diese Menschen im Mittelpunkt unseres Handelns stehen, erzählen wir hier Geschichten von Menschen, die in unserer Stiftungsfamilie zuhause sind.

Die Rahmenbedingungen, die Paul und Katharina Kraemer mit der Gold-Kraemer-Stiftung dafür geschaffen haben, erlauben es uns, dafür in verschiedenen Bereichen Impulse zu geben und Angebote zu schaffen: in den besonderen und ambulanten Wohnformen, die es bereits seit den frühen Jahren der Stiftung gibt; in Kultur und Sport, wo wir in den letzten Jahren wegweisende neue Ideen auf den Weg gebracht haben, bei denen es immer darum geht, nicht die vermeintlichen Defizite, sondern die individuellen Stärken und Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung zu sehen und zu fördern und ihnen so ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Dazu gehören auch die Bereiche Arbeit und Bildung – denn beide sind für alle Menschen die wesentliche Voraussetzung dafür, eigene Entscheidungen treffen und leben zu können.

Paul und Katharina Kraemer waren aber nicht nur Mäzene mit der Vision einer besseren Welt für alle Menschen; sie waren auch und vor allem erfolgreiche Unternehmer, und zum Auftrag, den sie uns hinterlassen haben, gehört, ihr soziales Engagement fortzuführen und die Juweliergruppe Kraemer weiter als elementaren Bestandteil unserer Stiftungsfamilie zu erhalten. Die Zugehörigkeit zur Gold-Kraemer-Stiftung macht das Unternehmen einzigartig in Deutschland, denn jeder Cent, der hier verdient wird, fließt in die gemeinnützige Arbeit der Stiftung. Deshalb ist jede Kundin und jeder Kunde heute ein „Mit-Stifter*“.

Als Vorstandsvorsitzender der Gold-Kraemer-Stiftung wird mir die große Ehre zuteil, unser diesjähriges, goldenes Jubiläum mit Ihnen gemeinsam zu feiern. Vor über 20 Jahren durfte ich die Eheleute Kraemer persönlich kennen lernen und sie als Arzt begleiten. Ihrem Wunsch, mich im Vorstand ihrer Stiftung einzubringen, bin ich sehr gerne und aus Überzeugung nachgekommen, und ebenso gerne und überzeugt habe ich im Jahr 2020 den Vorsitz vom langjährigen Weggefährten der Eheleute Kraemer, Johannes Ruland, übernommen, der unsere Stiftung in den anderthalb Jahrzehnten nach dem Tod von Paul und Katharina Kraemer maßgeblich geprägt hat. Ich danke allen Kolleg*innen in Vorstand und Kuratorium unserer Stiftung für ihre ehrenamtliche Mitarbeit, allen Mitarbeiter*innen in den unterschiedlichsten Bereichen – ob gewerblich oder gemeinnützig – für ihre gerade in den letzten beiden, für uns alle so schwierigen Jahren hoch engagierte und motivierte Leistung, allen Bewohner*innen und Kund*innen unserer Angebote für das Vertrauen, das sie uns teilweise seit Jahrzehnten schenken, sowie allen Partner*innen in den zahlreichen Projekten für die stets gute und konstruktive Zusammenarbeit.

Ihnen, liebe Leser*innen, danke ich für Ihr Interesse an unserer Arbeit in der Gold-Kraemer-Stiftung, und wünsche Ihnen eine informative Lektüre.

Mit den besten Grüßen und Wünschen

Ihr

Professor Dr. med. Hans Josef Deutsch

Vorstandsvorsitzender

der Gold-Kraemer-Stiftung

aus tiefstem herzen: danke

Blatt-Gold, unsere Schreibwerkstatt, gratuliert zum 50.

Von der Gold-Kraemer-Stiftung gibt es Wohn-Häuser. Da wohnen Leute, die Hilfe benötigen, die betreut werden, damit sie selbstständiger werden. Keiner will zu Hause bei seinen Eltern wohnen. Außen wohnen ist besser. Wir wohnen auch da. Stück für Stück selbstständiger werden, Dabeisein können und über das Leben lernen. Wir finden das toll. Dafür sagen wir: DANKE, Gold-Kraemer-Stiftung.

Monika Meinka (erst diktiert, dann mit Unterstützung geschrieben)

Wo ich eingezogen bin, wollte ICH das – selbstständiger werden. Mit öffentliche Bus fahren, einkaufen – das ist mein Wunsch gewesen, ja! Freude, dass man das kann. Man kann einiges erreichen, vieles. Das fühlt sich gut an.

Ralf Faßbender (selbst geschrieben)

Wo wäre ich gelandet, wenn es die Gold-Kraemer-Stiftung nicht geben würde? Wenn ich mir im Jahr 2000 nicht das Wohnheim in der Burghofstraße 45 angesehen hätte? Das war der Beginn meiner Selbstständigkeit. Mit 28 Jahren. Selbstständigkeit ist mir für mein Leben wichtig, dass ich selbst bestimmen kann, was ich tun will und was ich nicht tun will, mit wem ich mich treffe, wen ich besuche und wann ist super. Das ist das beste, was man machen kann. Man ist dann von anderen Leuten nicht mehr abhängig und kann selbst Entscheidungen treffen. Das alles wäre ohne die Stiftung nicht möglich gewesen. Danke dafür. Aber nicht nur deswegen sondern auch für 7 tolle Jahre bei Blatt-Gold denn da kann man viel lernen was ein Reporter wissen muss. Denn das will ich gerne werden: Modorator oder Reporter. Wenn es Blatt-Gold nicht geben würde wäre mein Leben ganz langweilig geworden. Dann würde ich keine Geschichten schreiben die ich heute schreibe sondern gar keine. Deshalb bin ich sehr froh das es Blatt Gold gibt. Also sage ich aus tiefstem Härzen Danke liebe Stiftung für Alles.

Christiane Becker (selbst geschrieben)

Ich wohne seit 2015 im Paul Kraemer Haus. Ich gehe immer zum Sport, Schwimmen, und zum Aqua Fitnes und das macht mir sehr viel Spaß. Ich gehe auch immer reiten im Reitstall, gehe auch Montags und Dienstags zu Blattgold Projekt dort lerne ich Berichte mit dem iPat schreiben, mit Face book schreiben im Internet richaschieren, überlege mir, was ich schreibe. Ohren auf, Augen auf, was ich sehe und neugierig sein. Eigentlich tut man das nicht, aber als Journalistin braucht man eine Spürnase, Fragen stellen und Interviews machen. Es ist schön, dass ich selbstständig bin, dann brauche ich nicht immer Betreuer zu fragen.

Anna Menakker (teils diktiert, teils selbst geschrieben)

Es gibt Leute, die keine WG oder Mini-Wohnung finden. Die Gold-Kraemer-Stiftung hat mir geholfen, eine Wohnung zu finden und Stück für Stück selbstständiger zu werden, Dabeisein können und über das Leben lernen können. Manche kriegen das auch nicht hin, sich Hilfe zu holen. Die versuchen das alles alleine. Die müssen eine Art Wahrheit sehen, das „Betreuung“ nicht so hart ist wie es sich anhört. Man hört viele Gerüchte über Betreuung und deshalb haben viele Angst Hilfe anzunehmen, weil sie Angst haben, ihre Freiheit zu verlieren. Die Menschen brauchen Hoffnung, Mut, stärke. Leute müssen auch lernen, Hilfe anzunehmen. Gemeinsam kann man das schaffen. Die Gold-Kraemer-Stiftung bietet einem Hilfe an, damit niemand auf der Straße leben muss oder in Notunterkünften oder zu Hause. Das hat mir geholfen. Ich wohne jetzt seit einem Jahr hier. Ich habe zwei Freunde in München, die können die Angebote der Stiftung gut gebrauchen. Deswegen wünsche ich für die Stiftung die 50 Jahre alt wird, alle gute zum Geburtstag, Gesundheit und erfolge und viel erfolg auf viele weitere Jahre. 

Sascha Nowak (diktiert)

Als ich hier hingezogen bin von Paderborn, für mich war das am Anfang schon schwer. Wo man einkauft? Neue Arbeit. Da gibt es Leute, die deine Selbstständigkeit mit vorbereiten. Alleine einkaufen, man muss sich alleine die Wäsche waschen – alle Dinge, die man für das Leben braucht, darum muss man sich selber kümmern. Man muss Dinge auch machen, die einem keinen Spaß machen, Toilette putzen zum Beispiel. Es gibt viele Leute, die keine Plätze finden, die alleine wohnen wollen. Es gibt zu wenig Wohnhäuser für Menschen mit Behinderung. Das kostet zu viel Geld. Die Gold-Kraemer-Stiftung hat die ganzen Wohnhäuser gebaut, die Sportanlage gebaut für Fitness und das Schwimmbad, die Reithalle. Ich finde super, dass ich hier wohne. Selbstständigkeit, das macht mich stolz.

Jochen Rodenkirchen (diktiert)

Ich wohnen seit dem 5.11.88 bei der Gold-Kraemer-Stiftung. Die unterstützt uns. Mit der Selbstständigkeit hat sich das geändert. Früher konnte ich nicht so viel. Wir mussten die Wäsche abgeben und Namensschilder einnähen lassen. Die Hauswirtschaft hat die gewaschen. Irgendwann hat das abgenommen und wir mussten selber waschen. Selbstständigkeit – das ist gut. Das macht mich zufrieden, glücklich. Dann habe ich so eine innere Wärme. Wenn die Eltern nicht mehr leben, dann sind die Betreuer noch da, uns zu unterstützen und damit wir noch selbstständiger werden. Kaffee kochen alleine, zum Arzt gehen alleine, Busfahren alleine, bügeln, Bettbeziehen, waschen, wieder aufziehen – das gehört alles auch dazu. Und Austausch mit den Mitbewohnern, wie wir’s machen. Ich wohne im PKH Frechen, das ist mein Ankerpunkt.

Pascal Stein (selbst geschrieben)

Alles Gute zum 50 Geburtstag

Wünsche euch Gold Kremer Stiftung

Gesundheit viel Erfolg und macht weiter so

Susanne Sasse (diktiert und mit Unterstützung aufge-schrieben)

Die Schreibwerkstatt hilft mir sehr. Ich kann immer über alles reden. Ich werde nie allein gelassen. Anja hilft mit, wenn ich der Mama schreibe. 50 Jahre Stiftung: Herzlichen Glückwunsch. Die Stiftung ist nett sein, Freundlichkeit, Höflichkeit. Ich will hier bleiben. Es gefällt mir sehr gut. Alle Leute sind sehr nett. Ich habe alle hier ganz doll lieb.   

Yvonne Freiberg (selbst geschrieben mit Unterstützung)

Ich war Mama Kind und wohnte mit 18 Jahre noch bei meinen Eltern. Die Eltern haben viele Häuser gesucht bis eine Wohnung neu gebaut wurde in Alfred-Nobel-Straße 51, die habe ich angeguckt mit meiner Mutter. Meine Mutter meinte, dass ich nix machen kann ohne Betreuung. Deshalb bin ich bis ich 23 Jahre war da noch gewohnt, bis ich selber entscheiden konnte. Dann bin ich mit 23 Jahre in das Paul-Kraemer-Haus 2 gezogen. 1 Jahr später konnte ich entscheiden: will ich in eine Wg ziehen oder komplett alleine wohnen.  Ich habe selber entschieden mit 26 Jahren, dass ich alleine wohnen will mit anderen Leuten. Selber Geschirr waschen und die Küche selber putzen auch Wäsche waschen, einkaufen, kochen, Termine machen und alles. Ich bin selbstständig und brauchen nur ein bisschen Hilfe. Dabei hatten mir die Leute von der Gold-Kraemer-Stiftung geholfen. 

Sofa-Geheimnis

Am Dienstag, 14.06.2022, 18.30 Uhr, startete unsere Schreibwerkstatt Blatt-Gold ihre neue Veranstaltungsreihe “Sofa-Geheimnis”. Und der erste Gast war: Mathias Mester! Mathias Mester, Super-Sportler auf 142,5 cm, mehrfacher Welt- und Europameister und zuletzt auch Sieger der Herzen bei „Let’s Dance“. Mathias Mester ist berühmt für seinen großartigen Humor im Internet und im echten Leben.

Wir haben das Ding geme(i)stert! Alle zusammen. Unser erstes „Sofa-Geheimnis“ war spitze, spannend, lustig, unterhaltsam, sportlich, einfach supertoll und gut gelungen, richtig gut. Das hat allen Spaß gemacht. Es wurde getanzt, gesungen und ganz ganz viel gelacht. Mathias kann über sich selber lachen. Das findet der wichtig. Du hast eine Behinderung? Na, und? Mathias sagt: „Leude, es gibt nur einen Weg und der ist geradeaus!“ Wir haben mit dem Welt-Mester auch über Inklusion gesprochen. Dafür setzt sich der Mathias ein. Mathias sagt: „Da ist noch längst nicht alles so wie es sein sollte und wie es sein könnte. Da ist noch viel Luft nach oben.“

Und am Ende gab es Gänse-Haut für alle. 2000 Prozent haben wir da reingesteckt. Und sehr viel Herz drin. Bald wollen alle mit uns aufs Sofa.

Aus dem Leben

von Paul und Katharina Kraemer

Die Lebensleistung von Paul und Katharina Kraemer lässt sich nur ermessen, wenn man ihr gesamtes Leben in den Blick nimmt. Mit enormer Anstrengung und Willenskraft schufen sie nicht nur ein erfolgreiches Unternehmen, sondern mit der Gold-Kraemer-Stiftung auch dauerhafte Rahmenbedingungen für Einrichtungen und Angebote, durch welche die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ständig verbessert werden sollen.

Geboren wurden beide in Köln, Paul Kraemer am 13. Mai 1916 im Schatten von St. Maria im Kapitol, Katharina Kraemer am 14. August 1920 auf der „Schäl Sick“. Er war das jüngste von sieben Kindern einer alleinerziehenden Mutter, ihr Vater war Werkmeister

in der Chemischen Fabrik Kalk. Mit nicht ganz

14 Jahren trat Paul Kraemer im April 1930 als Lehrling in den Betrieb von Heinrich Pilartz ein, der in dieser Zeit zu den führenden Goldschmieden in Köln zählte. Kreativität, Phantasie, Geduld, handwerkliches Geschick, aber auch Kraft und Zielstrebigkeit: mit diesen Voraussetzungen absolvierte Kraemer seine Ausbildung mit Auszeichnung. Ende April 1939, kurz vor seinem 23. Geburtstag, wurde er Deutschlands jüngster Goldschmiedemeister.

Katharina Hogut – von allen Käthe genannt – fiel schon als Kind durch ihren Sinn für alles Schöne auf. Anlässlich der Verleihung des Verdienstordens des Landes Nordrhein-Westfalen im Jahr 2005 erzählte der damalige Landtagspräsident Ulrich Schmidt eine Anekdote: Als Fünfjährige wurde die kleine Käthe ausgewählt, vor der Belegschaft der Fabrik, in der ihr Vater arbeitete, ein Weihnachtsgedicht vorzutragen. Für ihren großen Auftritt hatte ihre Mutter ein hübsches blaues Samtkleid ausgesucht; beim Zurechtmachen fiel Käthe allerdings mitsamt Kleid in die Badewanne und musste in einem anderen Kleid zur Weihnachtsfeier. Trotzdem absolvierte sie ihren Vortrag zur Begeisterung aller Anwesenden. Ehrgeiz, Charme und die Gabe, im Leben das Beste aus dem zu machen, was einem zufällt, seien bei Katharina Kraemer damit schon als Kind erkennbar gewesen, so Schmidt weiter.

Kennen gelernt haben Paul und Katharina Kraemer sich dort, wo es sich für echte Kölner gehört: im Karneval, beim Tanz im Stapelhaus. Der Verlobung im Jahr 1941 folgte die Trauung im „Düxer Dom“, der Kirche St. Heribert, am  23. Juni 1943.

60 Jahre später feierten Paul und Katharina Kraemer das Fest ihrer Diamantenen Hochzeit genau an dieser Stelle – nicht nur ein Beweis für ihre Verbundenheit zu Deutz und seinem „Dom“, sondern auch ein sichtbares Zeichen für die starke innere Verbindung der beiden miteinander, die auch nach Jahrzehnten und bei allen Höhen und Tiefen ihres Lebens nie nachgelassen hat.

Den Grundstein für ihren unternehmerischen Erfolg legten beide bereits in jungen Jahren zusammen. Am 2. Februar 1941 eröffnete Paul Kraemer in der Kölner Langgasse 26, einer Seitenstraße der exklusiven Glockengasse, seine „Werkstatt für Goldschmiedekunst“. Während er die handwerklichen Arbeiten erledigte, kümmerte sie sich um die kaufmännische Seite. Schon bald wurde Paul Kraemer an die Front beordert; bis zu seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg, den er mit einem Bauchschuss nur knapp überlebte, führte Katharina Kraemer die Geschäfte weiter – mit Erfolg. Denn obwohl das Geschäft in der Langgasse im Bombenhagel zerstört worden war, schafften

Paul und Katharina

Kraemer bereits im September 1945 am Neumarkt mit einer „Reparaturwerkstätte für Goldwaren“ den beruflichen Wiederanfang. Ein Jahr später zogen sie mit ihrem Geschäft in ein durch Kriegseinwirkung in Mitleidenschaft gezogenes Gebäude an der Ecke Gereonshof/von-Werth-Straße nahe des vornehmen Kaiser-Wilhelm-Rings. Hier betrieb Paul Kraemer nach amtlicher Genehmigung eine „Verkaufsstelle für Bestecke, Korpuswaren, Tafelgeräte und Schmuckwaren“. Er hatte erkannt, dass die Menschen trotz aller Not auf ihren Schmuck nicht verzichten wollten: „Gold und Schmuck mochten die Leute immer, sie brachten alte Sachen und ließen sie umarbeiten, Motto: Aus alt mach neu“, erzählte der geschickte Goldschmied anlässlich seines 65. Geburtstages.

Mit dem Umzug auf die Schildergasse – damals wie heute eine der meistfrequentierten Einkaufsstraßen Europas – im Jahr 1949 schuf Paul Kraemer dann endgültig die Voraussetzungen dafür, eines der erfolgreichsten Juweliergeschäfte Deutschlands aufzubauen. In den folgenden Jahrzehnten machten sie aus der Werkstatt ein national agierendes Familienunternehmen und wurden zum „Goldschmied für Millionen“. Denn erstmals war echter Goldschmuck nun auch für den „kleinen Mann“ erschwinglich. Nicht nur privilegierte Kreise sollten Zugang zu Schmuck und Juwelen haben, sondern die große Breite aller gesellschaftlichen Kreise. Die ersten Filialen entstanden in einem Radius, der von Köln aus in maximal einer Fahrstunde zu erreichen war: zwischen Aachen und Wuppertal, Dortmund und Bonn. Zahlreiche weitere im gesamten Bundesgebiet sollten folgen.

Hinter dem Tresen konnte es bisweilen eng werden. An Spitzentagen zum Beispiel im Weihnachtsgeschäft versorgten bis zu 84 Verkäuferinnen die Kundschaft, die nur blockweise eingelassen wurde. Eine Herrenarm-banduhr war für

17 Mark zu haben, eine Damenuhr mit

15 Steinen für 23 Mark.

Den meisten Umsatz erzielte „Gold Kraemer“ aber mit Armbändern, Ketten, Diamantschmuck – und Trauringen. Bis heute gibt es zahlreiche Paare mit Ringen von Kraemer am Finger, denn als „Juwelier mit Herz“ gilt Kraemer seit jeher auch als Trauringspezialist.

Aber: bereits seit den 1980er Jahren, spätestens jedoch nach der deutschen Wiedervereinigung war der deutsche Einzelhandel einem tiefgreifenden Wandel unterworfen. Paul und Katharina Kraemer reagierten auf die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden zum Beispiel durch die Übernahme der Traditionshäuser „Frido Frier“ in Baden-Württemberg, „Juwelier Deiter“ aus Essen und des bereits seit 1897 an der vornehmen Frankfurter Zeil ansässigen Juweliers Pletzsch, einem der exklusivsten Uhren- und Schmuckgeschäfte des Landes. Aus „Gold Kraemer” wurde „Juwelier Kraemer”, und die über 40 Filialen präsentieren sich heute in einem modernen und zeitgemäßen Ambiente. Mit dieser Strategie konnte der wirtschaftliche Erfolg der Unternehmens-gruppe über den Tod des Stifterehepaars hinaus sichergestellt werden.

Der Goldjunge

Rolf Kraemer

Unternehmerisch waren Paul und Katharina Kraemer schon seit den ersten Nachkriegsjahren auf der Erfolgsspur, und auch privat erlebte das Paar mit der Geburt seines „Goldjungen“ am

11. Januar 1953 ein lang ersehntes Glück.

Ein Kind zu bekommen, war für Paul und Katharina Kraemer nicht nur die Erfüllung von Familienglück. Beide sahen ihr Unternehmen als Familienbetrieb, den sie eines Tages in die Hände eines Stammhalters und Nachfolgers übergeben wollten. Die Freude und der Stolz, mit dem die Eltern die Geburt ihres „Goldjungen“ Rolf bekannt gaben, waren deshalb groß.

Nach einer schwierigen Schwangerschaft entwickelte sich Rolf zunächst unauffällig. Mit etwa einem halben Jahr jedoch traten mehrfach täglich unerklärliche Krampfanfälle auf. Die Ärzte vermuteten zunächst eine Spasmophilie, eine bei Säuglingen und Kleinkindern nicht unübliche Phase erhöhter Krampftätigkeit. Eine körperliche Ursache konnte sehr bald ausgeschlossen werden; stattdessen diagnostizierte das behandelnde Universitätsklinikum Köln aufgrund des schweren Geburtsverlaufs einen frühkindlichen Cerebralschaden, eine schwere Schädigung des Gehirns im Laufe der Geburt.

Anfang der 1950er Jahre gab es für Eltern mit behinderten Kindern kaum Möglichkeiten. Frühförderung, wie es sie heute gibt, war völlig unbekannt. Trotzdem versuchten die Eheleute Kraemer, alle damals zur Verfügung stehenden Therapien zu nutzen, um ihrem Kind zu helfen – ohne Erfolg. Rolf Kraemer lernte nie gehen, nie sprechen. Um ihn zumindest in einer gesunden, schönen und barrierefreien Umgebung aufwachsen zu lassen, verließen Paul und Katharina Kraemer 1958 die Großstadt Köln und zogen nach Frechen-Buschbell. Bis heute befindet sich in diesem ehemaligen Wohnhaus der Familie Kraemer der Sitz der Gold-Kraemer-Stiftung.

Ich denke immer: wir haben das dem Kind zu verdanken, dass wir hier arbeiten dürfen. Paul Kraemer war immer der Meinung: Man muss was tun für die Leute, die kein Geld haben. Einmal hat er zu mir gesagt: Warum gewinnen die Menschen beim Spielen immer eine Million? Das könnte man doch besser an viele verteilen.

Brunhilde Zimmer, langjährige Mitarbeiterin der Eheleute Kraemer und heute der GKS ID

Rolf Kraemer starb an Weihnachten 1966, kurz vor seinem 14. Geburtstag. Die Trauer über diesen frühen Verlust war für seine Eltern unermesslich. „Wir wollen und können auch heute noch den Gedanken an das Leid und den Tod unseres einzigen Kindes nicht ertragen“, sagte Paul Kraemer in einem Interview mit der Berliner Zeitung im Jahr 1973. Die Stiftung, die er und seine Frau ein Jahr zuvor gegründet hatten, war ihre Antwort auf den Verlust: anderen zu helfen.

„Das Bestmögliche an Förderung und Betreuung“

50 Jahre Gold-Kraemer-Stiftung

Ende der 1950er Jahre war die Unterstützung und Förderung von Familien mit behinderten Kindern noch in ihrer Aufbauphase begriffen. Der Umgang mit Menschen mit Behinderung war aber noch vielfach ausweichend, die Betroffenen wurden zuhause mehr oder weniger versteckt und galten als „schulunfähig“. Das war auch bei Rolf Kraemer noch so. Erst um 1960 wandelte sich allmählich das Verständnis von Behinderung dahingehend, dass auch behinderte Kinder und Jugendliche ihren Möglichkeiten gemäß gefördert und ausgebildet werden können und müssen.

Die Triebfeder hinter dieser Entwicklung waren zunächst die betroffenen Eltern. 1958 war in Marburg der Verein „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind e. V.“ gegründet worden, der sich bis heute auf rechtlich selbständige Ortsvereine stützt. Im April 1962 konstituierte sich der Ortsverband Rodenkirchen, der auch eine Tagesstätte für geistig behinderte Kinder eröffnete. Paul und Katharina Kraemer unterstützten diese Einrichtung finanziell und ideell, obwohl ihr eigener Sohn zu einem Besuch nicht mehr in der Lage war. So leistete das Ehepaar Kraemer nicht nur materielle Zuwendungen; Paul Kraemer etwa spielte in dieser Zeit regelmäßig hoch zu Pferd den Nikolaus und brachte den Kindern Geschenke. Diese Tradition sollte er später noch lange fortsetzen: in der Reithalle in Buschbell, die sich dank der Gestaltungskunst der Dekorationsabteilung der Juweliergruppe in ein weihnachtliches Wunderland verwandelte, lud er behinderte und nicht behinderte Kinder ein, um sie zu beschenken. Auch in den Schmuckgeschäften erfreute Paul Kraemer Belegschaft und Kunden als „Heiliger Mann“.

Im Dezember 1965 konnte die Kindertagesstätte in der ehemaligen Volksschule in Frechen-Buschbell untergebracht werden, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wohnhaus der Eheleute Kraemer. Von Anfang an unterstützten Paul und Katharina Kraemer die Einrichtung, und als Anfang der 1970er Jahre ein Anbau notwendig wurde, finanzierte das Ehepaar Kraemer diesen. Vier neue Klassen, ein Mehrzweckraum und ein Lehrschwimmbecken mit Hubboden ermöglichten eine moderne und bedarfsgerechte Pädagogik. Der damalige Kreisdirektor Dr. Helmut Bentz gab im Rahmen einer Feierstunde das Ziel der Einrichtung aus: „Wir werden den Kindern das Bestmögliche an Förderung und Betreuung bieten.“ Das Engagement der Eheleute Kraemer fand seine Würdigung in der Benennung der Schule nach Paul Kraemer – bis heute trägt die Schule des Rhein-Erft-Kreises für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung, seit 2005 mit Sitz in Frechen-Habbelrath, seinen Namen.

Um ihrem Engagement für Menschen mit Behinderung eine feste Form zu geben und es dauerhaft zu sichern, errichteten Paul und Katharina Kraemer im Herbst 1972 die Gold-Kraemer-Stiftung, die am 29. November desselben Jahres von der Bezirksregierung Köln anerkannt wurde. In den 50 Jahren ihres Bestehens hat die Stiftung zahlreiche Einrichtungen und Angebote geschaffen, um die Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderung zu verbessern. Als Alleinerbin des gesamten unternehmerischen und privaten Vermögens der Eheleute Kraemer, die 2006 bzw. 2007 verstarben, verfügt sie über einzigartige Mittel, um das Ziel gesell-schaftlicher Inklusion zu verwirklichen.

Die Einzigartigkeit jedes Menschen zuzulassen, sie zu fördern und die größtmögliche Selbstbestimmung zu ermöglichen – das bedeutet Inklusion und Teilhabe für die Arbeit der Gold-Kraemer-Stiftung heute, im 50. Jahr ihres Bestehens. Wie das in den unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen gelingt, erzählen wir am Beispiel einiger Menschen, die stellvertretend stehen für viele – Bewohner*innen und Kund*innen, Mitarbeiter*innen, Ehrenamtliche und Partner*innen.

Die Eheleute Kraemer kannten den Begriff „Inklusion“, lange bevor er durch die Behindertenrechtskonvention bekannt wurde. Allerdings kannten sie ihn in einem ganz anderen Zusammenhang, denn für sie war „inclusion“ ein Einschluss in einem Diamanten. Und was ist das für ein großartiges Bild: es geht nicht um den lupenreinen Edelstein, um vermeintliche Perfektion, sondern darum, in jedem Diamanten seine Einzigartigkeit und seinen Wert zu sehen – so wie bei den Menschen. Jede und jeden so anzunehmen, wie sie oder er ist, mit allen Stärken und Schwächen, niemanden auszugrenzen, sondern alle in die Mitte der Gesellschaft zu holen – diese Haltung ist und bleibt das Vorbild, das Paul und Katharina Kraemer uns hinterlassen haben.

Johannes Ruland (1939–2020)

Johannes Ruland trat 1962 in die Juweliergruppe ein, die er bis 2007 als kaufmännischer Direktor leitete. Nach dem Tod der Eheleute Kraemer übernahm er den Vorstandsvorsitz der Gold-Kraemer-Stiftung. In dieser Funktion setzte er sich unermüdlich für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein. So entstanden unter seiner Führung wegweisende neue Projekte und Einrichtungen wie beispielsweise das Pferdesport- und Reittherapiezentrum der Gold-Kraemer-Stiftung oder das Fußball-Leistungs-Zentrum (heute ZABS), im Rahmen des Dezentralisierungsprozesses wurden drei neue Paul Kraemer Häuser errichtet. Ein besonderes Herzensanliegen war ihm die Realisierung des inklusiven Wohn- und Kunstquartiers in Pulheim-Brauweiler. Für sein Engagement erhielt Johannes Ruland zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt postum den Rheinlandtaler des Landschaftsverbandes Rheinland.

„Die individuellen Fähigkeiten und Wünsche

stehen im Vordergrund“

Leben und Wohnen in den Paul Kraemer Häusern

Konzentriert liest Jörg Dehler den Text, der vor ihm auf dem Tisch liegt. Es geht um ein Interview mit Jürgen Dusel, dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, anlässlich des Deutschen Stiftungstages 2021, in dem Dusel sein Motto „Demokratie braucht Inklusion“ erklärt. Ein ziemlich kompliziertes Thema. „Demokratie bedeutet: Alle dürfen mit entscheiden“, weiß der 55jährige Jörg Dehler, der sich schon immer für Politik interessiert hat. Gemeinsam mit seiner Mutter wird er deshalb auch per Briefwahl an der Wahl zum Deutschen Bundestag teilnehmen. Auch im Heimbeirat engagiert er sich, war zeitweise sogar der Vorsitzende, denn ihm ist wichtig, seine Meinung sagen zu können.

Jörg Dehlers Aufgabe an diesem Nachmittag ist aber eine andere. Er liest den Text nicht nur, um selbst etwas darüber zu erfahren, was der Behindertenbeauftragte verändern möchte. Jörg Dehler ist Prüfer für Texte in Leichter Sprache. Worauf man dabei achten muss, hat er in einem Seminar gelernt. Er markiert Wörter, die er nicht oder nicht gut versteht, und macht einen Haken an jeden Satz, bei dem er keine Schwierigkeiten hatte. Auf jede Seite schreibt er unten in die Ecke „Der Prüfer“ und unterschreibt mit seinem Namen. Die Texte, die er heute liest, sind für die neue Ausgabe des WIR-Magazins der Gold-Kraemer-Stiftung. Das liest Jörg Dehler gerne: „Dann weiß man, was in der Stiftung noch alles so los ist.“ Und die Redaktion weiß, welche Texte sie noch einmal verändern muss, um sie verständlich für alle zu machen.

Seit 1993 lebt Jörg Dehler im Paul Kraemer Haus, er gehörte zu den allerersten Bewohner*innen der damals neu errichteten Wohnstätte in Pulheim. Als das Haus 2015 geteilt wurde und ein neues Paul Kraemer Haus in Stommeln eröffnet wurde, zog Jörg Dehler in den Mühlenort um. Er hat sein eigenes Zimmer und lebt in einer Wohngruppe mit fünf anderen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung zusammen. Das Haus liegt mitten im Zentrum von Pulheim-Stommeln – auf einem Grundstück mit historischer Bedeutung. Dort stand ein über 350 Jahre alter Bauernhof. Beim Bau des Hauses ist es gelungen, einen Teil des historischen Gebäudes zu erhalten und in den Neubau zu integrieren. Entstanden ist ein Wohnhaus, das durch die geschaffene Verbindung von alt und neu, von Tradition und Moderne, einen besonderen Akzent im Ort setzt.

Jede Wohngruppe verfügt über ein gemeinsames Wohnzimmer mit Terrasse oder großem Balkon. Eine modern eingerichtete Gemeinschaftsküche ist der Mittelpunkt der Wohngemeinschaft. Darüber hinaus stehen den im Paul Kraemer Haus lebenden Menschen ein großer Gemeinschaftsraum und eine große Gartenanlage zur Verfügung, die für die vielfältigsten Freizeit- und Sportaktivitäten genutzt wird. Das ist auch in den anderen fünf so genannten besonderen Wohnformen – den Paul Kraemer Häusern Buschbell, Winandshof, Frechen, Pulheim und Köln-Kalk so.

Im Treppenhaus in Stommeln hängen zwei Gemälde von Paul und Katharina Kraemer. „Die haben die Stiftung gemacht“, erzählt Jörg Dehler, denn er hat in der WIR auch über das Stifterehepaar gelesen und davon, dass es die Stiftung seit fast 50 Jahren gibt. „Da bin ich sogar noch ein bisschen älter“, lacht er.

Die Wurzeln ihres Engagements für Menschen mit Behinderung lagen in der Zuwendung zu Kindern und Jugendlichen. Hier konnten Paul und Katharina Kraemer unmittelbar an ihre eigenen Erfahrungen als Eltern eines behinderten Kindes anknüpfen. Schon früh hatten sie erkannt, dass die sich in der Nachkriegszeit völlig verändernde Sichtweise auf Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung nicht nur eine gute Schulbildung erforderte, sondern sich daran unmittelbar die Frage anschloss, wie und wo sie im Anschluss an den Schulbesuch als junge Erwachsene leben und wohnen könnten.

So entstand allmählich die Idee des ersten Paul Kraemer Hauses in Frechen-Buschbell. Hier sollten Ende der 1970er Jahre zwei historische Gebäudekomplexe abgerissen werden. Die Eheleute Kraemer erwarben die alten Immobilien und entwickelten an ihrer Stelle die Idee eines Sozialzentrums mit einer Behindertenwohnstätte für 48 Bewohner*innen sowie eines Sonderkindergartens für mehrfach und schwerstbehinderte Kinder. Dieses Sozialzentrum war Ende der 1970er Jahre ein Musterbeispiel für die Behindertenbetreuung in Nordrhein-Westfalen. Die Menschen wurden nicht mehr den Blicken der Öffentlichkeit entzogen oder in Ortsrandlagen angesiedelt.

Im Dezember 1982, rechtzeitig zum zehnjährigen Bestehen der Gold-Kraemer-Stiftung, konnte das Haus seiner Bestimmung übergeben werden.

Dieses erste Paul Kraemer Haus in Frechen-Buschbell gibt es immer noch. Heute leben hier, nach den grundlegenden Reformen des Wohn- und Teilhabegesetzes, 24 Menschen mit geistiger Beeinträchtigung in vier Wohngruppen. Für ältere Bewohner*innen, die tagsüber nicht mehr in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten, gibt es eine Tagesstruktur. Hier bekommen sie vielfältige Beschäftigungs- und Förderangebote, um lebenspraktische Fähigkeiten zu erhalten und Abbauprozesse zu verhindern oder zu verlangsamen. Das Spektrum reicht von künstlerisch-kreativen Arbeiten über hauswirtschaftliche Aktivitäten bis hin zum Training der körperlichen und geistigen Beweglichkeit. Lebensqualität und Lebensfreude stehen dabei im Vordergrund.

„Ziel unserer Arbeit ist es, die Selbständigkeit der Bewohner*innen auf der Grundlage des Inklusionsgedankens zu fördern und zu erhalten. Ihre individuellen Fähigkeiten und ihre Wünsche nach Beteiligung und Selbstbestimmung stehen im Vordergrund unserer Begleitung“, erläutert Lia Schubert, die Leiterin des Paul Kraemer Hauses Stommeln, das Wohnkonzept, während sie auf den Bus wartet, mit dem auch Jörg Dehler von seiner Arbeit in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) zurückkommt.

Alle haben es eilig, denn für den Abend haben sich besondere Gäste angekündigt: Die Band „Kölsch singe und drinke“ kommt zu einem Gartenkonzert vorbei. Im ersten Jahr der Corona-Pandemie war das noch als Aufmunterung für die Bewohner*innen gedacht, die – wie so viele andere Menschen auch – ihr Zuhause kaum noch verlassen konnten. Das Konzert mit kölschen Evergreens kam aber so gut an, dass eine Wiederholung sofort feststand, und in diesem Sommer 2021 freuen sich Jörg Dehler und seine Mitbewohner*innen auf das Mitsingen und Schunkeln im Garten. Die Mitarbeiter*innen des Paul Kraemer Hauses haben dazu eine kleine Grillparty organisiert, die Stimmung ist ausgelassen. „Es ist schön hier“, sagt Jörg Dehler, der auf seinem Lieblingsplatz unter dem großen Apfelbaum sitzt. Er liebt es mitzusingen und kennt alle kölschen Bands und ihre Lieder. Als die Band die FC-Hymne „Mer stonn zu Dir“ anstimmt, gibt es kein Halten mehr. Und ein wenig hat man das Gefühl, dass die Menschen nicht nur ihren Fußballverein besingen: „Ov jung oder alt, ov ärm oder rich – Zesamme simmer stark…“.

„EINE EIGENE WOHNUNG FÜR MICH ALLEINE

– DAS WÄRE TOLL!“

Das Ambulant Betreute Wohnen unterstützt Menschen mit Behinderung

für größtmögliche Selbständigkeit

Käse, Tomaten, Paprika, Nudeln… „Was brauchen wir noch für unseren Auflauf?“, ruft Yvonne Freiberg aus der Küche in Richtung ihrer beiden Mitbewohner Daniel und Loic. „Nichts, aber Tabs für die Spülmaschine sind keine mehr da“, sagt Loic. Er mag es nicht, wenn sich das Geschirr in der Küche stapelt, und erinnert Daniel deshalb daran, dass er an der Reihe ist, die Maschine auszuräumen. „Ich hab eingeräumt! Du musst ausräumen.“ – „Ne, der Plan gilt nicht mehr, wir müssen die Maschine zusammen ausräumen.“

Ein großer Wandplaner hilft den jungen Leuten, die seit dem Herbst 2021 in einer WG zusammenleben, die Aufgaben im Haushalt zu planen. Unterstützung bekommen sie dabei vom Team des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW) der Paul Kraemer Haus gGmbH. Neben den ganz alltäglichen Problemen geht es dabei vor allem um die Kontaktaufnahme zu Behörden, Ärzten, Therapeuten, Vermietern, die Bearbeitung von Post, um den Umgang mit Geld, die Entwicklung einer Tagesstruktur, die Wiedereingliederung in Beschäftigung und Krisenintervention. Aber auch regelmäßige Gruppen- und Freizeitaktivitäten gehören zum Angebot des ABW.

Für die 28jährige Yvonne ist das Leben in der WG „ein Glücksfall“, sagt sie. Lange war die gebürtige Bonnerin gemeinsam mit ihrer Mutter erfolglos auf der Suche nach einer Wohneinrichtung in der heimatlichen Umgebung. Im Internet stieß die Familie auf das Wohnangebot der Paul Kraemer Häuser. Das war 2016, als gerade das neue Paul Kraemer Haus Frechen eröffnet worden war. Bei ihrem ersten Besuch in Frechen begleitete sie ihre Mutter, und nach einer Hausbesichtigung und dem gemeinsamen Gespräch mit den Mitarbeitenden stand der Entschluss schnell fest: hier wollte sie hinziehen.

„Ich bin zuhause auch schon sehr selbstständig aufgewachsen. Das hat mir geholfen, mich in meiner Wohngruppe schnell zurecht zu finden“, beschreibt Yvonne Freiberg ihre damalige Situation. Ihr Umzug aus der besonderen Wohnform des Paul Kraemer Hauses Frechen in die 3er-WG ist für sie ein weiterer Schritt Richtung größtmöglicher Selbständigkeit. Und das funktioniert bestens: sich gegenseitig helfen und unterstützen, zusammen einkaufen und zusammen Spaß haben stehen ganz oben auf der Liste der jungen Leute, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit hervorragend ergänzen.

So gibt Loic zu, dass er gerne ausschläft, während Yvonne ihren Tag auch schon einmal um vier Uhr in der Nacht startet. „Ich kann manchmal nicht mehr schlafen und dann lese oder stricke ich lieber“, erzählt sie. Pferdegeschichten und alles Wissenswerte rund um das Pferd liest sie gerne. Ohnehin gehören Pferde zu ihren liebsten Hobbies. Einmal in der Woche sitzt sie auf Herbert, einem Schulpferd des Pferdesport- und Reittherapiezentrums der Gold-Kraemer-Stiftung. Yvonne Freiberg nimmt teil am Dressurreiten, das die Stiftung auch den Bewohner*innen der Paul Kraemer Häuser anbietet. Mit Leidenschaft hilft sie außerdem an Samstagen in den Pferdeställen regelmäßig aus. „Ich bin sehr gerne mit Pferden zusammen und freue mich, wenn ich helfen kann, Ställe auszumisten, Pferde auf die Weiden zu führen oder zu striegeln“, sagt sie. Mit ihrem Schulpferd hat sie da aber noch so ihre Schwierigkeiten: „Der Herbert lässt sich überhaupt nicht gerne striegeln. Da tritt er schon mal gerne aus.“

Auch das Schreiben ist für Yvonne Freiberg sehr wichtig geworden. In ihren Laptop tippt sie alles, was ihr auf dem Herzen liegt. Als Mitglied der Schreibwerkstatt „Blatt-Gold“ schreibt sie regelmäßig Gastbeiträge auch für externe Medien, zum Beispiel für die Wochenzeitungen im Rhein-Erft-Kreis. Seit 2021 ist sie dafür für zwei Tage in der Woche von ihrer Arbeit in der Werkstatt für behinderte Menschen freigestellt. Sport-Reporterin für den 1. FC Köln zu werden, Berichte über Tiere zu verfassen und Lukas Podolski zu interviewen gehören zu ihren großen Wünschen.

„Eine eigene Wohnung für mich allein – das wäre toll!“ Yvonne strahlt. Nach einem Jahr in der WG sehnt sie sich nach etwas mehr Ruhe und noch mehr Selbstständigkeit. Zwei Zimmer, Küche, Bad und am liebsten mit Balkon. „Damit ich die Sonne genießen kann.“ Sobald in der Nähe etwas frei wird, will sie ihre Sachen wieder packen umziehen. Und das ABW ist da, um sie zu unterstützen.

„Mein Mann kommt gerne her“

In der Tagespflegeeinrichtung Paul und Käthe

werden überwiegend ältere Menschen mit Demenz betreut

_ E L _ A _ T_ _ A T. „Ein R wie Richard“, schlägt Alfred Vollmer vor. Aber der Buchstabe kommt im gesuchten Wort nicht vor. Deshalb baut sich der Galgen, den Nicol Weitz an die Tafel malt, um einen weiteren Balken auf. „Denken Sie mal an unsere Zeitungsrunde heute Morgen!“, gibt sie den Gästen der Tagespflege Paul und Käthe Kraemer einen kleinen Tipp. „Wissen Sie noch, was wir gelesen haben?“ – „Ah!“, freuen sich die älteren Damen und Herren. „Ein G wie Galgenvogel!“, ruft Alfred Vollmer lachend. „Und noch ein D und ein M!“ GELDAUTOMAT ist das gesuchte Lösungswort. Die kleine Runde jubelt fröhlich und findet, dass sie sich das Mittagessen jetzt wirklich verdient hat.

„Zu uns in die Tagespflege kommen Menschen zwischen Anfang 60 und über 90 Jahren, die ganz häufig eine dementielle Veränderung haben“, erklärt Nicol Weitz das Konzept ihrer Einrichtung. „In der Regel benötigen sie Unterstützung zum Beispiel bei der Strukturierung des Tagesablaufs, bei der Körperpflege oder bei der Zubereitung von Mahlzeiten. Durch unsere Arbeit versuchen wir, den Umzug in eine stationäre Einrichtung möglichst weit zu verzögern, indem wir zum Beispiel die Gedächtnisleistung gezielt trainieren oder die Bewegungsfähigkeit erhalten.“

Werktags stehen in der Zeit von 8 bis 16 Uhr insgesamt 16 Tagespflegeplätze zur Verfügung. Manche Gäste kommen jeden Tag, andere nur tageweise – je nach den eigenen individuellen Wünschen und Fähigkeiten und denen der pflegenden Angehörigen. Die Räume der Tagespflege befinden sich im Gold-Kraemer-Haus mitten in der Frechener Innenstadt. Die Gold-Kraemer-Stiftung hatte den Komplex mit ursprünglich 65 seniorengerechten Wohnungen Anfang der 1980er Jahre erworben und im Laufe der Jahre umfassend erweitert und saniert. Heute gibt es über 100 Wohneinheiten, und rechtzeitig zum Jubiläumsjahr eröffnet die Stiftung ein Begegnungszentrum in, dank einer Förderung der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, vollständig barrierefrei umgebauten Räumen im Erdgeschoss der Anlage. Hier sollen Angebote für Gruppen, Bildung und Begegnung stattfinden, zum Beispiel auch für Angehörige der Tagespflegegäste.

Die Angehörigen sind es meist auch, die sich Hilfe suchend an das Team der Tagespflege wenden, oft die Kinder oder Ehepartner der Betroffenen. Nicol Weitz berät sie zu den Leistungen und Angeboten, aber auch zu formalen Aspekten wie der Kostenübernahme durch die Pflegeversicherung. Wenn beim Probetag alles passt und ein Platz frei ist, kann es losgehen.

So ist auch Alfred Vollmer in die Tagespflege gekommen. Der 69jährige hat früher selbst in der Altenhilfe gearbeitet. Vor einigen Jahren erhielt er die Diagnose Alzheimer-Demenz. „Das war natürlich erstmal ein Schock“, erinnert sich seine Ehefrau. Als kleine Vergesslichkeiten und Wesensveränderungen nicht nur ihr, sondern auch anderen auffielen, suchten sie ärztlichen Rat. „Aber wir haben auch gelernt, dass das nicht bedeutet, dass sich von heute auf morgen alles ändert. Es ist ein Prozess, der bei jedem anders verläuft und auf den man auch Einfluss nehmen kann. Deswegen sind wir sehr froh, dass Alfred hier in der Tagespflege nicht nur so gut betreut wird, sondern auch ein Stück weit gefordert wird. Und das tut ihm spürbar gut. Er kommt gerne her. Für mich bedeutet der Besuch in der Tagespflege eine große Entlastung.“

Alfred Vollmer nickt. Oft ist er morgens um acht einer der ersten Gäste. Dann gibt es erst einmal Frühstück und die ersten Gespräche des Tages. „Wir regen unsere Gäste an, sich auszutauschen, von schönen oder interessanten Erlebnissen zu erzählen, sich zu erinnern“, so Sandra Bunsen, die Stellvertreterin von Nicol Weitz. Deshalb gibt es nach dem Frühstück auch immer eine Zeitungsrunde. Ein Team-Mitglied – insgesamt kümmern sich acht Angestellte um die Gäste, darunter Pflege- und Betreuungsfachkräfte und eine Hauswirtschafterin – liest aus den Nachrichten vor. An diesem Morgen geht es unter anderem um einen gesprengten Geldautomaten nahe der niederländischen Grenze. Daran können sich nachmittags dann viele noch erinnern, aber der Gesprächsfaden wird auch weitergesponnen: Wer war schon einmal in den Niederlanden in Urlaub? Und wie war das eigentlich früher, als man das Bargeld noch am Schalter abheben musste?

Es gibt aber nicht nur Training fürs Gehirn, sondern auch für den Körper. Deshalb steht nach Mittagessen ein Bewegungsspiel auf dem Programm. Dafür müssen Nicol Weitz und ihre Kolleginnen die Gäste noch einmal „auf Touren bringen“, denn nach dem Essen legen die meisten eine kleine Pause im hauseigenen Ruheraum oder im Fernsehzimmer ein. Um die Motivation zu steigern, läuft dann auch schon einmal Musik. „Wunschkonzert“, heißt das hier, denn jede*r darf sich ein Lied wünschen.

„Oft sind das alte Schlager, aber einer unserer Gäste wünscht sich immer Musik von David Bowie oder AC/DC“, lacht Nicol Weitz. Regelmäßig kommt auch ein Tanzpädagoge vorbei. „Dann geht es hier richtig rund, und unsere Gäste sind auf einmal wieder so jung wie in der Tanzschule.“

Wenn Alfred Vollmer am Nachmittag von seiner Ehefrau abgeholt wird, erkundigen sich die Kolleginnen danach, ob zuhause alles in Ordnung ist und geben Informationen über Veränderungen oder Neuigkeiten weiter. Ein solcher Austausch ist wichtig für alle Gäste und Angehörigen und auch für das Team der Tagespflege. Während der Corona-Pandemie konnten die regelmäßigen Treffen mit den Angehörigen nicht wie gewohnt stattfinden. „Wir haben versucht, den Austausch telefonisch oder per E-Mail aufrecht zu halten, um Wünsche, Anliegen, Informationen oder Ähnliches zu übermitteln. Wir wollen die persönliche Arbeit mit den Angehörigen jedoch unbedingt wieder vertiefen, denn die Treffen fehlen allen sehr“, sagt Nicol Weitz, bevor sie die Tür hinter Alfred Vollmer schließt und gemeinsam mit ihren Kolleginnen alles für den Besuch der Gäste am nächsten Tag vorbereitet.

„Die Begegnung mit dem Pferd hat mich verändert“

Therapie und Teilhabe im Pferdesport- und Reittherapiezentrum

Neugierig spitzt Griet die Ohren. Die 8-jährige Haflingerstute beobachtet alles ganz genau von ihrem Paddock aus. Seit März 2021 ist das Pferdesport- und Reittherapiezentrum (PRZ) der Gold-Kraemer-Stiftung ihr neues zu Hause. Neben Jan ist sie schon das zweite Pferd, das das Corps à la suite des Kölner Reiterkorps Jan von Werth gestiftet hat, um damit die therapeutischen Angebote für Menschen mit Beeinträchtigung im PRZ zu unterstützen.

Dafür hat das Team des PRZ Griet schon viel beigebracht, zum Beispiel mit Bällen, Tüchern, Ringen und Aufstiegshilfen zu arbeiten. Und natürlich hat sie die anderen Pferde in den Reitstunden erst einmal unter fortgeschrittenen Reitern kennengelernt. Außerdem wurde Griet im Voltigieren ausgebildet, so dass Kinder nun auf ihrem Rücken im Schritt, Trab und Galopp Turnübungen machen können. Mittlerweile läuft Griet auch in den heilpädagogischen Einzelförderungen sowie in der Hippotherapie. Mit ihrem freundlichen und offenen Wesen gewinnt sie schnell die Herzen vor allem der Reitanfänger, denn sie ist ganz leicht zu lenken und nimmt auch zaghafte Reiterhilfen direkt an.

Heute trifft Griet die 6-jährige Milla. Milla hat das Rett-Syndrom und sitzt deshalb oft in einem Buggy, weil ihr das Laufen schwer fällt. Außerdem kann sie nicht sprechen. Sie und Griet verstehen sich aber auch ganz ohne Worte. Zur Begrüßung stupst die Stute Milla ganz vorsichtig an der Wange an, Milla lächelt und genießt den Kontakt zu der warmen Fellnase. In der Halle hilft eine Hippotherapeutin Milla auf den Pferderücken. Durch die dreidimensionale Bewegung des Pferdes im Schritt kann Milla ihre Rumpfstabilität und ihr Gleichgewicht trainieren. Nach der Hippotherapie gelingt es ihr, besser zu stehen und zu gehen.

Zur gleichen Zeit voltigieren Millas Schwestern Maja und Neva in den inklusiven Voltigiergruppen. Die Mutter der drei Geschwister ist froh über das gemeinsame Hobby ihrer Töchter und genießt ihre kurze Auszeit bei einem Spaziergang durch den Park, der das PRZ und das ehemalige Wohnhaus der Eheleute Kraemer umgibt.

Es war der ausdrückliche Wunsch des Stifter-ehepaars Paul und Katharina Kraemer, dass auf ihrem großzügigen Anwesen in Frechen-Buschbell einmal ein inklusives Reitzentrum entstehen sollte. Beide waren selbst bis ins hohe Alter große Pferdeliebhaber und verbrachten ihre Freizeit gerne auf dem Rücken eines ihrer geliebten Vierbeiner. Bereits in den 1960er Jahren ließen sie dazu eine eigene Reithalle sowie Stallungen, Wirtschaftsgebäude und mehrere Reitbahnen auf dem Gelände an der heutigen Paul-R.-Kraemer-Allee errichten.

Nach ihrem Tod wurde die Anlage aufwändig erweitert und barrierefrei umgebaut. Seit 2014 ermöglicht sie die Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung an sportlichen und therapeutischen Angeboten mit dem Pferd. Ein Team aus qualifizierten Fachkräften kümmert sich nicht nur um die 22 Schul-, Sport- und Therapiepferde, sondern führt auch die unterschiedlichen Angebote in den Bereichen Pferdegestützte Therapie, Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren sowie die Hippotherapie durch. Seit 2016 ist das PRZ als Landesstützpunkt Paradressur NRW außerdem eine anerkannte Einrichtung des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR).

Während die Therapien und das Voltigieren in den Reithallen stattfinden, sammeln sich auf dem Hof schon die ersten Reiterinnen und Reiter für eine Paradressur-Trainingseinheit. Darunter ist auch Imme; die 28-jährige ist durch eine frühkindliche Hirnschädigung seit ihrer Geburt auf der linken Körperseite gelähmt. Seit einem Jahr trainiert sie mehrmals wöchentlich mit dem Team des PRZ. Das passende Parapferd zu finden, ist dabei gar nicht so einfach, denn es muss viel Potenzial in der Dressur, aber auch im Umgang mitbringen. Die Anlage und das Trainer-Team bieten ihr die optimalen Bedingungen und Unterstützung, um ihr Pferd auszubilden. Diese guten infrastrukturellen Rahmenbedingungen, das Entwicklungspotential zur Anerkennung eines Bundesstützpunktes und regelmäßige Trainingseinheiten der National-mannschaften waren übrigens auch entscheidend dafür, dass das PRZ im Jahr 2021 vom Deutschen Behindertensportverband (DBS) als Paralympisches Trainingszentrum anerkannt wurde.

Um die Pferdesportler*innen in ihrer Weiter-entwicklung ganzheitlich zu fördern,  werden ihnen neben den Reit- und Voltigierstunden weitergehende Bewegungsangebote zur Verfügung gestellt. Unter anderem haben sie die Möglichkeit, ein so genanntes „Movie“, ein galoppierendes Trainingsgerät, und einen barrierefreien Gymnastikraum zu nutzen oder an Weiterbildungs- und Trainerlehrgängen teilzunehmen. Regelmäßig finden inklusive Reit- und Voltigierturniere statt, bei denen sich alle in ihren jeweiligen Leistungsklassen messen können. Das ist gelingende Teilhabe für Menschen mit Behinderung im Sport.

Während Imme erst mit den Training beginnt, geht für Milla und ihre Schwestern die Reitstunde zu Ende. Schweren Herzens verabschieden sich die Kinder von den Pferden. Auf dem Weg zum Auto sagt ein Kind der Voltigiergruppe laut: „Meine Mutter hat nur einen Arm!“ Neva antwortet darauf: „Und meine Schwester Milla hat eine Behinderung, das ist doch ganz normal!“

Es ist spät geworden. Griet steht wieder mit gespitzten Ohren auf ihrem Paddock und genießt die letzten Sonnenstrahlen, gleich gibt es endlich Abendessen. Sie ist gespannt, welche Menschen morgen zu ihr und den anderen Pferden in den Stall kommen. Der Wallach Jan beugt sich zu ihr herüber, und fast scheint es, als flüstere er ihr etwas zu: „Du machst das schon“, scheint er zu sagen, denn Griet und die anderen Therapiepferde erledigen jeden Tag einen guten Job und nehmen die Menschen einfach so, wie sie sind.

Ich liebe es, hierhin zu kommen und Gespräche zu führen. Da darf ich so sein, wie ich bin. Das Reiten ist so wertvoll, das macht so viel mit Deinem Körper. Die Therapie, die ich so schätze, ist: ich darf das Pferd sehen, berühren, ich darf es vorbereiten. Hier darf ich nur Mensch sein, hier muss ich nicht abliefern, hier muss ich nicht funktionieren. Die Beziehung zwischen Pferd und Mensch ist etwas ganz Besonderes. Das Pferd erkennt mich gut, kann mich auch einschätzen. Die Begegnung mit meinem Pferd hat mich sehr verändert. Als ich meinem Arbeitgeber vor ein paar Jahren gesagt habe, dass ich behindert bin, hat der mich gefragt: ‚Wieso hast Du uns das nicht schon längst gesagt?‘ Ich wollte stark sein. Aber heute kann ich sagen: ‚Ich bin behindert.‘ Darauf bin ich stolz, denn das hätte ich vor ein paar Jahren nicht hinbekommen.

Michael Dusy, trainiert seit 2013 im PRZ

„Sie nutzen ihre Chance,

sich beruflich etwas Eigenes aufzubauen“

Im ZABS werden junge Menschen über den Sport ins Arbeitsleben geführt

Michael Spengler legt einen Schritt zu, denn er will nicht zu spät kommen. Schnell geht er an der großen Backsteinhalle neben den Bahngleisen in Köln-Mülheim entlang. Seit 2020 betreibt Lukas Podolski, ehemaliger Fußball-Nationalspieler und Weltmeister von 2014, hier seine „Straßenkicker Base“, eine Indoor-Fußballhalle mit sieben Kleinspielfeldern. Michael Spengler hat hier seit einem Jahr eine feste Praktikumsstelle. Zweimal in der Woche kümmert er sich zusammen mit seinen Teamkolleg*innen um alles, was im Sport- und Eventbereich so anfällt, denn in der Straßenkicker Base kann man nicht nur Fußball spielen, sondern auch feiern, Seminare durchführen oder einfach einen Kaffee trinken.

Am Anfang hat ihn das ein Stück weit überfordert, sagt Michael Spengler. „Aber genau darum geht es. Die jungen Menschen mit Behinderung, die aus einer Förderschule oder einer Werkstatt für behinderte Menschen mit ihrem Sporttalent zu uns kommen, müssen von hier aus ihren Weg in den Arbeitsmarkt erst finden“, erklärt Malte Strahlendorf, der sportliche Leiter, das Konzept des Zentrums für Arbeit durch Bildung und Sport (ZABS). Gestartet ist das ZABS im Jahr 2013 als Fußball-Leistungszentrum. In Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Rheinland (LVR), der Bundesagentur für Arbeit (BA) und den Gemeinnützigen Werkstätten Köln (GWK) ermöglicht es jungen Menschen mit kognitivem Förderbedarf oder Lernschwierigkeiten einen alternativen Bildungs- und Berufsweg im Bereich Sport, organisiert über einen Außenarbeitsplatz einer Werkstatt für behinderten Menschen (WfbM). Über den Sport werden ihnen wichtige Qualifikationen vermittelt, die oftmals Einstiegsvoraussetzungen ins Berufsleben sind: Teamfähigkeit, Disziplin, Fleiß oder Verlässlichkeit. Auch Alltagskompetenzen wie Schreib- und Lesekompetenz, selbstständige Haushaltsführung, der Umgang mit Geld oder Behördengänge gehören dazu. So bietet das ZABS den Sportler*innen zur sportlichen Begleitung durch ein professionelles Trainerteam weitere Unterstützung durch eine pädagogische Fachkraft, die neben einem umfassenden Fortbildungsangebot außerhalb des Sports auch das Netzwerk in die Arbeitswelt begleitet.

Als zweite Sportart hat im Jahr 2019 Judo Einzug ins ZABS gehalten. Durch seine besonderen Eigenschaften ermöglicht Judo eine sehr starke Persönlichkeitsentwicklung. So entwickeln die Sportler*innen zu ihren sportlichen Fähigkeiten auch ihre sozialen Kompetenzen. Und: Judo hat das ZABS für junge Frauen geöffnet.

Michael Spengler hat inzwischen alles für die ersten Besucher des Tages vorbereitet. „Den Poldi“, erzählt er, „den kenn‘ ich.“ Gerade einmal 13 Jahre alt war Michael Spengler, als Podolski im Stadion von Maracanã in Rio de Janeiro den Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn erlebte und Deutschland zum vierten Weltmeister-Titel führte. Er und seine Teamkollegen wurden zum Vorbild für eine ganze Generation fußballbegeisterter Kinder und Jugendlicher.

Dass er sein großes Idol einmal persönlich treffen würde, hätte Michael Spengler sich vor ein paar Jahren nicht vorstellen können. Aber inzwischen arbeitet er nicht nur in Podolskis Sporthalle; gemeinsam mit seinen ZABS-Kollegen macht er auch bei den Straßenkicker-Camps mit, die in den NRW-Schulferien in der Straßenkicker Base stattfinden. Und hier trifft er auch regelmäßig auf Lukas Podolski, der für die jungen Männer als Vorbild eine besondere Motivation darstellt. „Mit Michael und den anderen Jungs vom Fußball-Leistungszentrum arbeiten wir schon einige Jahre zusammen. Sie machen ihre Sache mit viel Engagement und sind mit Freude dabei. Und damit nutzen sie ihre Chance, sich beruflich etwas Eigenes aufzubauen“, sagt Podolski, der im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem ZABS auch wieder auf seinen Jugendtrainer aus der C-Jugend getroffen ist, nämlich Willi Breuer, der als sportlicher Leiter das Fußball-Zentrum mit aufgebaut hat.

Fußball ist für Michael Spengler eine Leidenschaft. Deshalb trainiert er nicht nur im ZABS und arbeitet in der Straßenkicker Base, sondern läuft auch mit seinem Verein auf dem Rasen auf. Seit 10 Jahren spielt er beim SC Borussia Lindenthal-Hohenlind im Mittelfeld. Jenseits der Qualifizierung für das Berufsleben ist das ein weiteres wichtiges Ziel im ZABS: Teilhabe im Sport zu verwirklichen, Vereine für den Inklusionsgedanken zu begeistern, Strukturen zu verändern und so die Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Behinderung weiter abbauen. Vereine wie der TuS Blau-Weiss Frechen-Königsdorf haben ihre Sportangebote bereits komplett für Menschen mit Behinderung geöffnet, egal ob Eltern-Kind-Turnen, Handball oder der Akrobatikkurs. Hier spielt Michael Spenglers ehemaliger ZABS-Kollege Niklas Neusel, der dort inzwischen als Assistent der sportlichen Leitung arbeitet und sich beispielsweise um die Berichterstattung über die Erfolge der Sportler*innen kümmert.

Klar, dass die beiden jungen Männer auch abseits des Platzes gerne über Fußball fachsimpeln. Und da geht es dann zur Sache: zur Sprache kommen das letzte Spiel vom FC, die Aufstellung beim nächsten Länderspiel – und natürlich die Weltmeisterschaft in Katar Ende 2022. Die, verrät Michael Spengler, ist mindestens genauso wichtig wie das Stiftungsjubiläum.

„Meine Tätigkeitsschwerpunkte folgen den Jahreszeiten“

Mit ihrem Inklusionsunternehmen schafft die Gold-Kraemer-Stiftung

Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung

Der Duft von Pfefferminz breitet sich in der Tee-küche aus. Es ist noch nicht viel los in den Büros im Gold Kraemer Haus 4, wenn Valerij Rudi morgens mit der Arbeit beginnt. Seit 2009 arbeitet der Diplom-Betriebswirt als Finanzbuchhalter bei der GKS Inklusive Dienste gGmbH (GKS ID), einer gemeinnützigen Tochtergesellschaft der Gold-Kraemer-Stiftung. „Als ich hier angefangen habe, standen die meisten Büros noch leer“, erinnert er sich. Heute übernimmt die GKS ID mit über 50 Mit-arbeiter*innen zahlreiche Aufgaben, nicht nur in der Buchhaltung, sondern beispielsweise auch im Garten- und Landschaftsbau, der Haustechnik oder Hauswirtschaft. Dabei arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, denn die GKS ID ist ein vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) anerkanntes Inklusionsunternehmen.

Dass er schon so lange bei der Gold-Kraemer-Stiftung beschäftigt ist, sei für ihn ein Glücksfall, erzählt der 45jährige. Denn trotz seines guten Abschlusses fand Valerij Rudi nach dem Studium zunächst keine Arbeitsstelle, weil er infolge eines Sportunfalls im Jahr 2003 querschnittsgelähmt ist. Das habe wohl manchen potentiellen Arbeitgeber abgeschreckt, vermutet er. Erst nach fast zweijähriger Suche erhielt er im Jahr 2008 die Möglichkeit, ein Praktikum in der Verwaltung des Westdeutschen Rundfunks zu absolvieren, bevor er im Juni 2009 zur GKS ID nach Frechen wechselte.

Das Unternehmen war damals ganz frisch aus der vormaligen Gold-Kraemer-Stiftung gemeinnützige Trägergesellschaft mbH hervorgegangen, deren Aufgabe in der Verwaltung der zahlreichen stiftungseigenen Immobilien lag. Nach dem Tod der Eheleute Kraemer sollte die Arbeit der Stiftung in ihrem Sinn weiterentwickelt werden. Da es bereits Angebote im Bereich Wohnen, Sport und Freizeit gab, die UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 von Deutschland ratifiziert worden war, aber auch die Arbeitswelt in den Blick nimmt, fiel die Entscheidung zur Gründung eines Inklusionsunternehmens. Denn obwohl der Gesetzgeber für Unternehmen mit mindestens fünf oder mehr Beschäftigten, die ein langfristiges Arbeitsverhältnis haben, eine klare Mindestzahl an Mitarbeiter*innen mit Schwerbehinderung festgesetzt hat, kommt die Mehrzahl der Unternehmen in Deutschland ihrer gesetzlichen Pflicht nicht oder nicht ausreichend nach.

Inklusionsunternehmen wie die GKS ID gleichen das aus und unterstützen Erwerbssuchende mit Behinderung gezielt mit vielfältigen Angeboten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, um ihnen eine langfristige und selbstbestimmte Perspektive zu ermöglichen. Gerade für junge Menschen mit Behinderung heißt das heutzutage, einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz außerhalb geschlossener Werkstattbetriebe zu ermöglichen. Die Gold-Kraemer-Stiftung entwickelt deshalb beispielsweise mit ihrem Zentrum für Arbeit durch Bildung und Sport (ZABS) oder dem kathe:k Kunsthaus innovative Qualifizierungskonzepte mit Zertifizierung, die sich an den individuellen Fähigkeiten der Menschen orientieren. Dazu arbeitet sie mit Betrieben zusammen, die für Arbeitnehmer mit Behinderung Ausbildungsplätze anbieten können.

Viel Zeit für seine erste Tasse Tee bleibt Valerij Rudi nicht, denn schon bald klingelt das Telefon. Die Geschäftsführung ruft an und benötigt Informationen. Der nächste Anrufer ist ein ungeduldiger Lieferant, der seine Rechnung bezahlt haben möchte. Allen erklärt er geduldig den Sachstand. „Meine Tätigkeitsschwerpunkte folgen den Jahreszeiten“, erzählt Valerij Rudi schmunzelnd. Im Frühjahr ist er vor allem mit der Endabrechnung der Dienstleistungen des Vorjahres der GKS ID innerhalb der gemeinnützigen Stiftungsgruppe beschäftigt. Wenn dann später die fertigen Jahresabschlüsse von einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen geprüft werden, brauchen auch dessen Mitarbeiter wiederum die Zulieferung aus der Buchhaltung.

Im Spätsommer fängt für Valerij Rudi die Zeit an, sich mit den Nebenkostenabrechnungen zu beschäftigen, im Herbst steht dann die Erstellung der Wirtschaftspläne auf dem Programm. Vier Gesellschaften, jede mit mehreren Dutzend Kostenstellen, die alle einzeln zu planen sind.

Gemeinsam mit der Geschäftsführung und den Bereichsverantwortlichen steigt Valerij Rudi in den Planungsprozess für das nächste Haushaltsjahr ein. Für all diese Tätigkeiten reicht die morgendliche Tasse Pfefferminztee bei Weitem nicht aus. „Da kommen über den Tag schon noch einige dazu“, lacht Valerij Rudi, bevor er sich einem ganzen Stapel Rechnungen zuwendet.

„Früher habe ich viel Cola getrunken“

Das Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport forscht

anwendungsorientiert für und mit Menschen mit Behinderung

Konzentriert schneidet Beate den Apfel in kleine Stücke. Neben ihr hat Jochen etwas Schwierigkeiten mit der Banane. „Die ist glitschig“, meint er. Gemeinsam mit sechs anderen Teilnehmer*innen bereiten die beiden alle Zutaten für einen Obstsalat vor. Sie alle gehören zu einer Projektgruppe im Projekt „Gesund leben: Besser so, wie ich es will!“, das vom Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS) zusammen mit der Gold-Kraemer-Stiftung, der Lebenshilfe Köln und der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen durchgeführt und vom Verband der Ersatzkassen gefördert wird.

Wissenschaft und Forschung rund um das Thema Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein Zuhause zu geben, war der erklärte Wunsch des Stifterehepaars Paul und Katharina Kraemer. Für sie stand fest, dass nachhaltige Veränderungen für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung nur durch eine ständige Weiterentwicklung, Weiterbildung und auch Forschung möglich sein würden. In der Präambel zur Satzung der Gold-Kraemer-Stiftung legten sie vorausschauend fest: „Möglicherweise wird sich der genannte Kreis der durch die Gold-Kraemer-Stiftung zu unterstützenden Menschen durch wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen verändern.“ Nach ihrem Tod, so hatten sie bestimmt, sollte ihr Haus in Frechen-Buschbell zu diesem Zweck genutzt werden. Nach seiner Gründung im Jahr 2008 zog deshalb 2010 das FIBS hier ein, ein Institut der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS), das von der Gold-Kraemer-Stiftung gemeinsam mit der Sporthochschule und der Lebenshilfe NRW betrieben wird. Das, sagt Professor Dr. Heiko Strüder, Rektor der DSHS, sei ein Erfolgsmodell: „Ganz besonders wichtig ist die im Institut gelebte enge Verzahnung mit den Akteuren aus der praktischen Arbeit in Selbsthilfe, Eingliederungshilfe, Prävention und Rehabilitation.“

Die partizipative Arbeit im Netzwerk ist deshalb auch der Kerngedanke im Projekt „Gesund leben“, und das Ziel ist klar: Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen gesund leben können, und das möglichst selbstbestimmt. Denn bislang haben sie oft nur wenige Einflussmöglichkeiten, ihr Leben den eigenen gesundheitlichen Vorstellungen entsprechend zu gestalten. Im Projekt erstellen sie deshalb selbst Ernährungs- und Bewegungsangebote – so wie Beate und Jochen an diesem Nachmittag im Begegnungs- und Tagungszentrum der Gold-Kraemer-Stiftung. Zu Beginn des Projekts haben sie an einer Online-Fortbildung unter der Leitung von Forscher*innen mit Lernschwierigkeiten aus dem „Projekt Gesund!” der Katholischen Hochschule in Berlin teilgenommen. Hier wurden Themen wie „Was trainiert und stärkt mein Herz?”, „Fertiggerichte” oder auch „Tschüss Zucker, Tschüss Einwegflasche – Gesund trinken ohne Müll” behandelt.

„Früher habe ich viel Cola getrunken“, sagt Beate. „Aber in einer Flasche Cola sind 35 Stücke Zucker. 35!“, weiß sie jetzt. Und das, ergänzt sie kopfschüttelnd, sei ja wohl viel zu viel. Mit diesen und anderen gewonnen Erkenntnissen wird ein Katalog erstellt, der immer weiter mit neuen Ideen gefüllt wird, so dass am Ende ein sehr großer, bunter Strauß an Anregungen und Möglichkeiten vorhanden ist. Davon sollen dann möglichst viele andere profitieren. Die Projektgruppe entwickelt die Ideen also nicht nur für sich, sondern auch für möglichst viele andere Menschen mit Lernschwierigkeiten in NRW.

Ein zweiter Teil des Projekts beschäftigt sich mit dem Aufbau eines Netzwerks, in dem ein Verfahrenskatalog entwickelt werden soll, um die Ressourcen und Gesundheitskompetenzen von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in ambulanten und stationären Wohneinrichtungen in den Themen Ernährung und Bewegung zu stärken. Die Wohneinrichtungen sollen strukturell so weiterentwickelt werden, dass die dort lebenden Personen ihre Ansprüche an selbstbestimmter Bewegung und Sport sowie an die Ernährung umsetzen können. Dazu gehört zum Beispiel die Schulung der Mitarbeiter*innen in den Wohneinrichtungen; aber auch die Einbindung lokaler Akteure wie der Stadtsportbünde oder Volkshochschulen. „Die Stärke dieses Projektes liegt aus unserer Sicht in dem durchgehend partizipativen Ansatz. Alle Maßnahmen für einen selbstbestimmten, gesundheitsbewussten Alltag werden mit den Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zusammen entwickelt. Damit die Maßnahmen dann auch umgesetzt werden können ist es zudem wichtig, dass im Laufe des Projektes ein Netzwerk aufgebaut wird, durch das die dafür notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Die sind noch nicht immer gegeben“, fasst Cornelia Remark, die das Projekt beim FIBS betreut, die Zielsetzung zusammen.

Nach einer Bewegungseinheit mit allen an der frischen Luft mit einfachen Kräftigungsübungen an einer Parkbank und Koordinationsübungen auf der Wiese ist für Beate, Jochen und die anderen Teilnehmer*innen der Projektgruppe an diesem Nachmittag vor allen Dingen eines wichtig: der Obstsalat schmeckt. „Morgen gehen wir einkaufen auf dem Markt, aber zu Fuß“, freut Jochen sich. Denn zur gesunden Lebensgestaltung gehört auch genügend Bewegung im Alltag und der Einkauf von frischen Lebensmitteln dazu. Beate muss sich etwas beeilen, denn am Abend trifft sie sich noch mit anderen Bewohner*innen aus den Paul Kraemer Häusern Buschbell und Pulheim zum Kegeln. „Da haben wir bei MOBA mit angefangen“, erzählt sie von einem anderen FIBS-Projekt, bei dem sie mitgemacht hat und bei dem es um die Stärkung der individuellen Mobilitätskompetenzen ging. „Gesund zu essen ist wichtig, aber man muss sich schon auch ein bisschen bewegen“, verrät sie ihr Erfolgsrezept.

Das Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS)

verfolgt einen anwendungsorientierten Forschungsansatz für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Die Projekte sollen zur Entwicklung von Strukturen beitragen, die die selbstbestimmte Teilhabe an Bewegung und Sport sowie die Akzeptanz von Vielfalt ermöglichen. Dadurch sollen Erkenntnisse generiert werden, welche gesellschaftliche Strukturen und Prozesse verändern und damit Teilhabe an Bewegung, Freizeit, Erwerbsleben und im Alltag selbstbestimmt ermöglichen. Das FIBS ist ein An-Institut der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS).

„Lennart, du bist du!“

Im Gemeinschaftssportverein Gold-Kraemer verbessern

Menschen mit und ohne Behinderung Fitness und Gesundheit

Mit einem leisen Surren schalten sich die Trainingsgeräte an. Lennart Grobecker wirft seine Tasche hinter die Empfangstheke im Fitnessraum des Gold Kraemer Hauses 4 und macht sich daran, die Türen für die ersten Gäste aufzuschließen. Seit 2018 arbeitet der 27jährige als Übungsleiter für den Gemeinschaftssportverein Gold-Kraemer e. V. (GSV GK). Dort gibt es zahlreiche professionelle und wohnortnahe Angebote rund um die Themen Gesundheitssport, Rehabilitation und Prävention – und zwar vollständig barrierefrei, denn sowohl die Geräte im Fitnessraum als auch das Therapieschwimmbecken nebenan sind auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung ausgelegt. So können Menschen mit und ohne Behinderung in jeder Altersklasse nach individuellen und angepassten Trainingsplänen daran arbeiten, ihre Fitness und Gesundheit zu verbessern.

Um 9 Uhr kommen seine ersten Kunden zum Rückenfit-Kurs. „Der Lennart ist ein echter Strahlemann und motiviert uns durch sein Lachen immer ganz besonders“, erzählt eine Teilnehmerin. Und tatsächlich: wenn Lennart Grobecker ansagt, wie oft die am Boden liegenden Teilnehmer*innen noch die Arme anheben sollen, macht er das mit einem ganz eigenen Charme. „Und noch dreimal! Und noch zweimal! Und noch zweimal! Und noch einmal! Und wieder zweimal! Und von vorne!“

Dass er nach einem Schlaganfall im Mutterleib halbseitig gelähmt ist, hindert Lennart Grobecker weder an seiner Arbeit als Fitness-Coach noch daran, selbst Sport zu machen. „Meine Eltern haben mich immer so genommen, wie ich bin, und wahnsinnig unterstützt“, erzählt er. Für ihn war der Sport schon sehr früh die Brücke ins Leben. Diese Leidenschaft teilt er mit seinem älteren Bruder, der für ihn sein bester Freund ist.

Seit seinem fünften Lebensjahr spielt er Tennis: „Mein Wunsch war früher immer, Tennisprofi zu werden. Ich wusste auch, dass das schwer wird, auch mit meiner Behinderung an der rechten Seite – da hab ich gesagt, dass das noch schwerer wird für mich. Irgendwann hab ich den Mund aufgemacht und gesagt: Nach ganz oben schaff ich es nicht. Man muss das machen, was man auch machen kann.“ Mit dieser Einstellung spielte seine Behinderung auf dem Platz nie eine Rolle. Seine Leidenschaft fürs Tennis brachte Lennart Grobecker auch zum Projekt „Tennis für alle“, das die Gold-Kraemer-Stiftung gemeinsam mit dem Deutschen Tennis Bund (DTB) durchführt. Hier arbeitet er mit einem blinden jungen Mann und einem blinden Mädchen mit Lernschwierigkeiten. „Mein Leben hat mir gezeigt, wie der Sport hilft, Energie und Lebensfreude zu tanken und vor allem mit ganz verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen“, sagt er und hat dabei wieder sein ganz besonderes Strahlen im Gesicht.

Orthopädie für Senioren, Walken, Hockergymnastik, Viniyoga, Herzsport, Faszientraining und sogar Rehasport für Taubblinde – das Kursangebot des GSV GK ist umfangreich. Neben den Trainings in der stiftungseigenen Sporthalle und im Fitnessraum gibt es Fitness- und Reha-Kurse im Aqua-Bereich. „Das Therapiebecken gab es bereits, als hier im Gebäude noch die Paul-Kraemer-Schule zuhause war. Die Stiftung hat es instandgesetzt und komplett barrierefrei saniert“, erzählt Bianca Dobke, die sportliche Leiterin des GSV. Während Lennart Grobecker seine Rückenfit-Teilnehmer noch ein letztes Mal schwitzen lässt, leitet die Diplom-Sportwissenschaftlerin den Aquafitness-Kurs für die Vereinsmitglieder des GSV GK. „Wir versuchen, unsere Teilnehmer dafür zu begeistern, regelmäßig Sport zu treiben und Bewegung nachhaltig in ihr Leben zu integrieren. Gesundheit und Wohlbefinden profitieren davon langfristig“, erklärt Bianca Dobke die Zielsetzung des Sportvereins, der ganzheitlich arbeitet, um nicht nur Ausdauer und Kraft zu stärken, sondern auch die individuelle Lebensqualität zu verbessern und Barrieren im Alltag abzubauen. „Wir sind für alle da, und das ist wörtlich zu nehmen“, erzählt die Leiterin. „Das Thema Barrierefreiheit schreiben wir groß, und das erleben Menschen, die zu uns kommen, in allen Angeboten.“

„Bis nächste Woche auch mal zu Hause die ein oder andere Übung wiederholen“, ruft Lennart Grobecker seinen Teilnehmer*innen fröhlich hinterher. In den nächsten Stunden betreut er die Trainingsfläche im Fitnessraum, hilft dabei, die Geräte einzustellen und treibt auch hier die Sportler*innen zu einer zusätzlichen Runde auf dem Ergometer oder einem zusätzlichen Gewicht im Freihantel-Bereich an. Woher kommt seine gute Laune? „Ich hab‘s eigentlich geschafft. Ich bin glücklich da, wo ich jetzt stehe“, lautet die einfache Antwort. „Die Freunde, die ich habe, die haben zwar gesehen, dass ich eine Behinderung habe, aber die haben das akzeptiert: Lennart, du bist du!“ Und das sei doch das Wichtigste, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, bevor er wieder in Richtung Turnhalle verschwindet, wo seine nächsten Kursteilnehmer auf ihn warten.

„Ich habe heute gut gespielt“

Im Projekt „Tennis für Alle“ wird Inklusion im Tennis-Sport verwirklicht

Aufschlag Ela Porges. Die 14jährige wirft den Tennisball hoch und befördert ihn mit Wucht übers Netz. Schnell bewegt sie ihren Rollstuhl übers Feld, um den Return zu parieren – mit der Rückhand. „Die spiele ich als Slice. Das klappt mittlerweile auch gut. Mein Papa meint, dass ich als nächstes auch Rückhand-Topspin lernen soll. Das funktioniert noch nicht so gut, weil ich das mit dem Griff noch nicht so gut kann. Aber ich hoffe, dass ich den Schlag auch bald draufhabe“, erklärt sie fachmännisch.

Am Ende heißt es: Spiel, Satz und Sieg für Ela Porges, wieder einmal, denn die Schülerin aus Seeheim zählt zu den besten Nachwuchstalenten im Rollstuhltennis. „Ich habe heute gut gespielt und freue mich auf das nächste Wochenende“, sagt sie. Dann finden die Deutschen Meisterschaften in Leverkusen statt, bei denen sie ihren Titel verteidigen will. Ela spielt gerne Turniere, und das nicht nur, weil sie oft gewinnt, sondern weil sie dabei auch die erwachsenen Profis kennenlernt: „Die sind voll cool und superlustig und die spielen ein Hammertennis!“

„Inklusion im Tennis ist möglich, und das auch unter Wettkampfbedingungen“, davon ist auch Niklas Höfken überzeugt. Er leitet das Projekt „Tennis für Alle“, das die Gold-Kraemer-Stiftung gemeinsam mit dem Deutschen Tennis Bund (DTB) und gefördert durch die Aktion Mensch aufgebaut hat. Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland Angebote, die sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene mit ganz unterschiedlichen Behinderungen richten. Dadurch wird eine möglichst breite Zielgruppe mit den bestehenden und geplanten Angeboten im Rollstuhltennis, Blindentennis, Gehörlosentennis und im Tennis von Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung erreicht.

Begonnen hat das alles mit einer kleinen Rollstuhltennisgruppe um die ehemalige Weltklassespielerin Regina Isecke. Von der Gold-Kraemer-Stiftung initiiert trafen sich wenige Spieler*innen sechsmal im Jahr am Wochenende in Köln, um gemeinsam Tennis zu spielen. Weil es nur wenig andere Gelegenheiten für inklusives Tennisspielen gab, reisten die Teilnehmer*innen aus dem gesamten Bundesgebiet an. „Damit Menschen mit Behinderung möglichst wohnortnah Tennis spielen können, müssen wir erst einmal die Strukturen dafür schaffen – in ganz Deutschland“, erklärt Niklas Höfken die Zielsetzung des Projektes. Er ist seit 2012 Projektleiter und nebenbei Bundestrainer für Rollstuhltennis beim DTB, der seit 2017 mit an Bord ist.

Das Projekt baut auf drei Säulen auf. Die erste: Bewusstseinsbildung. „Wir stellen Informationen rund um das Thema auf allen Kanälen des Deutschen Tennis Bundes und bei Veranstaltungen bereit“, erklärt Höfken. So erfahren Trainer*innen und Vereine, dass Tennis für alle möglich ist, und Menschen mit Behinderung werden auf den Sport aufmerksam.

Die zweite Säule ist die Netzwerkbildung. „In den 17 Landesverbänden des DTB sollen sowohl weitergebildete Ansprechpartner*innen für inklusives Tennisspielen, als auch genügend Trainer*innen zur Verfügung stehen“, so Höfken. Um das zu erreichen, werden im Rahmen des Projekts an vielen Orten Fortbildungen angeboten. Die dritte Säule sind klassische Maßnahmen im Feld. Damit sind sowohl Schnuppertage in Vereinen als auch Workshops oder inklusive Tennisturniere gemeint.

So hat auch Ela Porges das Projekt „Tennis für alle“ kennengelernt. „Tennis ist mein allerliebstes Hobby. Ich spiele seit ich drei Jahre alt bin. Vor allem mit meinem Papa, der viel mit mir trainiert“, erzählt sie. Dass sie ihren Sport beim heimischen Verein ausüben kann, findet sie toll. „Das Interesse am Tennis aus der Rollstuhl-Community wächst spürbar. Hier müssen wir weiterhin werben und motivieren, damit die Angebotsstrukturen für Training und Wettkampf sich deutschlandweit verbessern“, erklärt Julia Louis, die beim DTB für das Thema Inklusion verantwortlich ist, warum der Verband das Projekt „Tennis für alle“ so intensiv unterstützt. „Gerade Tennis mit seinen verschiedenen Anpassungsmög-lichkeiten ist hervorragend geeignet für die unterschiedlichen Behinderungsformen. Mithilfe der von der Aktion Mensch zur Verfügung gestellten Projektmittel wollen wir in unseren Verbandsstrukturen künftig mehr Anlaufstellen, mehr Angebote und damit auch mehr Anreize für Menschen mit einer Beeinträchtigung schaffen.“

Auch für Niklas Höfken ist die Qualifizierung von Trainer*innen, Funktionär*innen, Vereinen und Verbänden ebenso wie die Schaffung von mehr behinderungsspezifischen sowie inklusiven Angeboten im Bereich Training und Wettkampf der Schlüssel zum Erfolg: „Wir wollen Trainer*innen und alle im Verein Verantwortlichen über die Chancen von Inklusion im Tennis aufklären und zum Mitmachen motivieren.“ Auch Netzwerktreffen innerhalb der Community sind ein wichtiger Baustein, um die Idee der Inklusion im Tennis weiter voranzutreiben und die Anzahl der aktiv Tennis spielenden Menschen mit Behinderung zu erhöhen. Nach rund zehn Jahren als Leiter des Projekts „Tennis für alle“ kann Niklas Höfken mittlerweile deutliche Fortschritte in der Sportwelt erkennen. „Anfangs musste ich proaktiv auf die Vereine zugehen und sie vom inklusiven Tennis überzeugen“, erinnert er sich. „Mittlerweile rufen uns eine Menge Vereine von sich aus mit dem Wunsch an, Tennis für alle anbieten zu können. Das ist eine Trendwende, auf die wir sehr stolz sind.“

„Ich bin sehr stolz, dass ich heute hier ausstellen kann“

Das kaethe:k Kunsthaus schafft neue Möglichkeiten

für Künstler*innen mit Beeinträchtigung

Gläserklirren, Lachen, überraschte Gesichter, großformatige Bilder in kräftigen Farben hinter den hell erleuchteten Schaufenstern in der Kunst-Passage am Kölner Ebertplatz. „Ich bin sehr stolz, dass ich heute hier ausstellen kann“, sagt Firal Tagal. Der 25jährige arbeitet seit dem Spätsommer 2020 im kaethe:k Kunsthaus am Guidelplatz in Pulheim-Brauweiler. Er ist einer von derzeit elf Künstler*innen mit Beeinträchtigung, die dort ihre Kunst und ihr Talent weiterentwickeln können.

Und davon hat Firat Tagal eine Menge. Schon während seiner Schulzeit in der Paul-Kraemer-Schule fielen seine Kreativität und seine Lust, sich an neue Farbmischungen und Kombinationen heranzuwagen, seiner Kunstlehrerin auf. Sie motivierte ihn, sich für einen Platz im Kunsthaus zu bewerben – und er überzeugte die Fachjury mit seiner Unvoreingenommenheit und einer dramaturgischen Freiheit, die seinen Arbeiten einen absoluten Wiederkennungswert gibt. Vor allem urbane Architektur hat es ihm als Motiv für seine Bilder angetan; passend dazu hat Firat Tagal seiner Ausstellung in der Kölner Projektgalerie „Gold+Beton“ den Titel „Ich würde mir gerne bald eine Villa kaufen“ gegeben.

Am Morgen nach der erfolgreichen Vernissage ist der Künstler wieder an seinem Arbeitsplatz im Erdgeschoss des Kunsthauses. Draußen eilen die Menschen vorbei, manche sehen ihm kurz bei der Arbeit zu, andere sind auf dem Weg zum Bäcker, zum Schuster, zur Bank. Der Guidelplatz, an dem sich das kaethe:k Kunsthaus befindet, ist der neue Mittelpunkt des altehrwürdigen Abteiortes Brauweiler. Der ehemalige NRW-Ministerpräsident und Vorsitzende des Freundeskreises Abtei Brauweiler Jürgen Rüttgers erinnert sich: „Eigentlich gab es den Guidelplatz gar nicht. Das große Prälaturgebäude der Abtei dominierte den kleinen Ort Brauweiler. Wenige kleine Häuser lagen entlang der hohen Mauer, die den Immunitätsbereich des Klosters umschloss. Ein hässlicher Parkplatz wurde zur Mitte des Ortes. Anfang der 1970er Jahre begann in Brauweiler eine Debatte über die Neugestaltung des Platzes.“

Diese Debatte fand erst im Jahr 2010 einen Abschluss, als die Gold-Kraemer-Stiftung die Idee eines inklusiven Wohn- und Kunstquartiers in unmittelbarer Nachbarschaft zur Abtei Brauweiler, dem Kulturzentrum des Landschaftsverbandes Rheinland, entwickelte. Und das erwies sich als Segen für den Ort. Entstanden sind ein einzigartiger Kulturstandort und ein belebtes, barrierefreies Quartier mit Wohnungen und einem bunten Angebot an Gastronomie und Gewerbe. Die Förderung von Kunst und Kultur ist als ausdrückliches Ziel in der Satzung der Gold-Kraemer-Stiftung verankert, denn Paul und Katharina Kraemer waren beide große Kunstliebhaber und erkannten die Möglichkeiten, die die gemeinsame künstlerische und kreative Betätigung für den Abbau von Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Behinderung hat.

Während Firat Tagal im Erdgeschoss mit Farben und Formen experimentiert, sitzt eine Etage über ihm Elias von Martial konzentriert vor seinem Zeichenblatt: „Wenn ich in einem Thema drin bin, verlasse ich meine Außenwelt und bin ganz in meiner eigenen. Ich höre beim Zeichnen immer Musik, die mich zusätzlich motiviert. Ich habe vor drei Jahren zum ersten Mal vom Kunsthaus gehört und jetzt bin ich echt froh, dass ich hier meiner Leidenschaft jeden Tag nachgehen kann. Aktuell reizen mich Zeichnungen als eine Art Storyboard für Filme.“

Filme sind auch die Spezialität von Oskar Mürmann. Mit seinen performativen Videoinstallationen, unterlegt mit selbst komponierten elektronischen Musik-stücken, thematisiert er die Auseinandersetzung mit Identitäten, Rollen und menschlichen Bewusstseinsformen – subtil, ausdrucksstark und humorvoll. Der aus Euskirchen stammende 18jährige hat heute nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern auch seine neue Wohnung in einer Wohngemeinschaft in Brauweiler: „Ich hatte einen sehr guten Start und nur liebe Menschen um mich herum. Mit Mona habe ich erst mal einen Wochenplan aufgestellt. Das hilft mir, meine Arbeit zu strukturieren.“

Den Atelieralltag gestaltet ein multifunktionales Team, das gerade in der Anfangszeit stark gefordert war: „Zu Beginn waren wir sehr damit beschäftigt, dass alle gut ankommen können, und es zeigt sich, dass die Erfahrung der eigenen Freiheit sehr viel mit Eigenverantwortung zu tun hat“, sagt Melanie Schmitt, Leiterin des kaethe:k Kunsthauses. Elias von Martial und Oskar Mürmann sind zwei Künstler, die nicht nur ihr berufliches Leben auf den Kopf gestellt, sondern auch ihr privates Leben verändert haben. Denn auch ihren Wohnsitz haben sie jetzt am Guidelplatz. Sie leben in einer von der Stiftung ambulant betreuten Wohngemeinschaft und erhalten da, wo es für sie notwendig ist, pädagogische und praktische Assistenz bei der Alltagsgestaltung. Die jungen Männer unterstützen sich auch gegenseitig. Bei gemeinsamen Spaziergängen, Einkäufen oder beim Kaffee zwischendurch lassen sich Dinge des Alltags besprechen.

Dieses Gesamtkonzept des Kunsthauses, erstmalig Arbeitsplätze für Künstler*innen mit Beeinträchtigung in einem Offenen Atelier zu schaffen und sowohl eine fachliche Professionalisierung als auch die äußeren Rahmenbedingungen für die Künstler*innen zu gewährleisten, überzeugt viele Kooperationspartner*innen und Unterstützer*innen wie den Landschaftsverband Rheinland (LVR), die Bundesagentur für Arbeit (BA) oder die Gemeinnützigen Werkstätten Köln (GWK), aber auch zahlreiche Akteure im Kunstleben der Region. Dazu gehört Mischa Kuball, Konzeptkünstler und Professor für public art an der Kunsthochschule für Medien in Köln: „Wenn wir das Ziel von Teilhabe und Mitbestimmung von Menschen mit Beeinträchtigung in der Kunst ernst nehmen, so gibt es in unserem Land großen Handlungsbedarf“, sagt Kuball, der seit 2015 auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Künste NRW und dort Stellvertretender Sekretär der Klasse der Künste ist. „Es bedarf besonderer Rahmenbedingungen, damit sich entwickeln kann, was die Künstler*innen ausmacht und was sie an Talenten und Kreativität mitbringen. Geben wir ihnen Zeit und Raum, sich zu entfalten.“

Für Firat Tagal war der Weg ins kaethe:k Kunsthaus genau richtig. Am Ende seines Arbeitstages räumt er seinen Platz ordentlich auf und reinigt seine Arbeitsmaterialien. Feierabend ist aber noch nicht, denn die Künstler*innen treffen sich, um ihre erste Gruppenausstellung im Projektraum zu besprechen. Dabei wird es auch zwei Verkaufstage geben, denn im Kunsthaus geht es nicht nur um die künstlerische Entwicklung der Teilnehmenden, sondern auch darum, dass sie  sich als eigenständige Künstler*innen mit ihrem Werk im allgemeinen Kunst- und Kulturbetrieb etablieren können. Zukünftig soll sich deshalb auch eine eigene Agentur um Vertrieb und Marketing der Kunstwerke kümmern. Vielleicht wird Firat Tagals Traum von der eigenen Villa auf diese Weise eines Tages Wirklichkeit.

Mit-Stifter* werden

Die Kraemer Juweliergruppe

führt das Lebenswerk der Eheleute Kraemer fort

Die Kraemer Juweliergruppe war und ist zentraler Bestandteil der Gold-Kraemer-Stiftung. Für Paul und Katharina Kraemer waren wirtschaftlicher Erfolg und soziales Handeln zeitlebens zwei Seiten derselben Medaille. Ganz bewusst entschieden sie, der von ihnen vor 50 Jahren ins Leben gerufenen Stiftung nicht nur die Aufgabe zu übertragen, ihr Engagement für Menschen mit Behinderung fortzuführen. Indem sie die Stiftung zur alleinigen Erbin ihres gesamten unternehmerischen und privaten Vermögens bestimmten, übertrugen sie der Stiftung auch die Verantwortung, das Juweliergeschäft fortzuführen. Deshalb gehören Juwelier Kraemer und Juwelier Pletzsch-Deiter heute als Tochterunternehmen zur großen Familie der Gold-Kraemer-Stiftung.

Mit ihrem Juwelierunternehmen schrieben Paul und Katharina Kraemer schon seit den ersten Anfängen auf der Kölner Schildergasse eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Die Juweliergruppe Kraemer führt dieses Erbe ihrer 2006 bzw. 2007 verstorbenen Gründer in besonderer Weise fort. Nach wie vor ist sie dem Gedanken verpflichtet, erstklassige Qualität zu einem günstigen Preis anzubieten. Die Erträge aus dem Schmuckgeschäft fließen dabei ohne Abzug eines einzigen Cents in Projekte und Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigung.

Nach dem Tod des Unternehmerehepaares knüpfte die Kraemer GmbH nahtlos an diese Erfolge an. Mit heute mehr als 450 Beschäftigten in derzeit rund 45 Geschäften in ganz Deutschland hat das Unternehmen an Fahrt in der Juwelierbranche gewonnen und präsentiert sich Schritt für Schritt im neuen Gewand. Über die Jahre erwarb die Kraemer GmbH andere Juweliergeschäfte dazu. Mit den Juwelieren Pletzsch, Deiter und Friedo Frier konnte nicht nur das Filialnetz entscheidend erweitert, sondern auch das Markenportfolio im Luxus-Segment ausgebaut werden. Die Kraemer Juweliergruppe bietet nun mit ihren Formaten ein umfangreiches Uhren- und Schmucksortiment für jede Zielgruppe an. Zudem werden umfangreiche Serviceleistungen angeboten, damit die Kund*innen lange Freude mit den Schmuckstücken und Uhren der Kraemer Juweliergruppe haben.

Das Besondere daran ist: mit jedem Kauf tun die Kund*innen Gutes und unterstützen die Stiftung und damit auch die Menschen, die von der Stiftung unterstützt werden. „Mit-Stifter*“, so heißt die Kommunikationslinie der Juweliergruppe, um ihren Kund*innen diesen Zusammenhang zu erklären, denn die kennen den Hintergrund oft gar nicht. Als „Mit-Stifter*“ erwerben die Kund*innen natürlich keine Anteile an der Stiftung, sondern machen zusammen mit allen anderen Kund*innen und den Mitarbeiter*innen von Juwelier Kraemer ein großes soziales Engagement möglich.

1972

Nachdem sie bereits seit den 1960er Jahren Familien von Kindern mit Behinderung unterstützt haben, gründen Paul und Katharina Kraemer die Gold-Kraemer-Stiftung, um ihrem Engagement einen dauerhaften Rahmen zu geben. Im gleichen Jahr finanzieren sie einen modernen Erweiterungsbau für die Schule für geistig behinderte Kinder in Frechen-Buschbell, die daraufhin nach Paul Kraemer benannt wird.

1976

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Paul-Kraemer-Schule errichtet die Gold-Kraemer-Stiftung den Kindergarten „Knisterkiste“, der von der Stadt Frechen betrieben wird. 2012 wird der Kindergarten komplett neu errichtet. Für seine Verdienste in seiner Heimatstadt Frechen erhält Paul Kraemer den Ehrenring der Stadt.

1977

Wiederum in Würdigung seiner Verdienste um das Gemeinwohl wird Paul Kraemer mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

1980/81

1980 beginnen die Bauarbeiten für das Paul Kraemer Haus 1 in Frechen-Buschbell sowie für die heilpädagogische Kindertagesstätte „Käthe Kraemer“, die von der Lebenshilfe betrieben wird. Zu seinem 65. Geburtstag ein Jahr später erhält Paul Kraemer die Ehrenbürgerwürde der Stadt Frechen.

1981

Die Gold-Kraemer-Stiftung erwirbt eine barrierefreie Wohnanlage in Frechen mit 65 Wohnungen und nennt sie Gold-Kraemer-Haus 1.

1982

Paul Kraemer wird zum ersten Honorar-Generalkonsul der Republik Malta in NRW ernannt; er bekleidet das Amt bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2007.

1990

Mit dem Paul Kraemer Haus 2 an der Burghofstraße in Frechen- Buschbell schafft die Gold-Kraemer- Stiftung weitere Wohnangebote für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung; das Gebäude wird heute als Appartementhaus für Teilnehmer*innen des ZABS genutzt. In Frechen wird das Gold-Kraemer- Haus 2 fertiggestellt.

1993

In Pulheim wird ein weiteres Paul Kraemer Haus am Aurikelweg eröffnet.

2000

In Köln-Kalk, Heimat von Katharina Kraemer, wird unter großer öffentlicher Anteilnahme das Zentrum der Gold- Kraemer-Stiftung fertiggestellt, ein Haus für über zehn Organisationen mit unterschiedlichen Angeboten für behinderte und nicht behinderte Menschen. Hier ist auch das Paul Kraemer Haus Kalk untergebracht. Das Haus wurde als eins der sechs „best practice-Modelle“ für Familienzentren in Nordrhein- Westfalen ausgewählt.

2004

In Frechen wird die integrative Kindertagesstätte „Die kleinen Strolche“ fertiggestellt, die von der AWO betrieben wird.

2005

Für ihre zahlreichen Verdienste für Menschen mit Behinderung erhält Katharina Kraemer den Verdienstorden des Landes Nordrhein- Westfalen.

2006

In Frechen wird das Gold-Kraemer- Haus 3 fertiggestellt. Katharina Kraemer stirbt am 4. April im Alter von 86 Jahren.

2007

Paul R. Kraemer stirbt am 10. Mai 2007.

2008

Die ehemalige Paul-Kraemer Schule in Frechen-Buschbell wird umgebaut zum  neuen Verwaltungssitz der Stiftung. Seit 2012 sind auch der Deutsche Behindertensportverband und das Nationale Paralympische Komitee dort ansässig. Der Sportbereich der ehemaligen Förderschule wurde in den Jahren 2016 bis 2019 revitalisiert und vollständig barrierefrei ausgebaut. Dazu gehören eine Sporthalle, ein Fitnessraum sowie ein Therapieschwimmbecken.

Sitz der Stiftung ist seit ihrer Gründung im Jahr 1972 das Familienhaus der Eheleute Kraemer in Frechen-Buschbell. Das Anwesen wird ab 2008 als repräsentativer Stiftungssitz kernsaniert. Im ersten Obergeschoss beheimatet das Haus auch das Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport.

2009

Als An-Institut der Deutschen Sporthochschule Köln forscht das FIBS am Sitz der Gold-Kraemer-Stiftung in Frechen-Buschbell für eine verbesserte Teilhabe der Menschen mit Behinderung im und durch Sport. Die praxisrelevante Forschung unterstützt die Verbands- und Vereinswelt, sowie zahlreiche Träger der Sozialhilfe und Eingliederungshilfe bei der Entwicklung neuartiger Angebotsstrukturen für mehr Bewegung und Sport. Ziel ist es, über den Sport auch die soziale Teilhabe sowie die Teilhabe am Arbeitsmarkt positiv zu verändern.

Auch als Arbeitgeber übernimmt die Gold- Kraemer-Stiftung Verantwortung für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt. 2009 firmiert die Gold-Kraemer-Stiftung Gemeinnützige Trägergesellschaft mbH, eine bis dahin reine Verwaltungsgesellschaft, um in die GKS Integrative Dienstleistungen gGmbH, heute GKS Inklusive Dienste gGmbH. Mit über 50 Beschäftigten bietet sie als anerkanntes Inklusionsunternehmen Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zum Beispiel in der Verwaltung, im Gebäudemanagement oder im Garten- und Landschaftsbau.

2011

Über die Initiativen und in Zusammenarbeit mit der Weltklassespielerin im Rollstuhltennis, Regina Isecke (1953–2015), startet die Stiftung ihr Engagement für Tennisangebote für Menschen mit Behinderung. Was mit Rollstuhltennis für Kinder und Jugendliche beginnt, entwickelt sich über die Jahre zu einem umfassenden Angebot für tennisbegeisterte Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen. Mit ihrem Projekt „Tennis für Alle“ bietet die Stiftung in Zusammenarbeit mit Tennisvereinen und den Sportverbänden neben Rollstuhltennis seit 2016 Blindentennis, Gehörlosentennis sowie Tennis für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung an.

2012

Auf Grundlage neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen durch das Wohn- und Teilhabegesetz Nordrhein- Westfalen startet 2012 die Kernsanierung aller Paul Kraemer Häuser sowie der Bau drei neuer Immobilien. Damit setzt die Stiftung die vom Gesetzgeber geforderte Dezentralisierung und Modernisierung des Wohnangebotes für Menschen mit geistiger Behinderung um. Damit einher geht eine neue pädagogische Ausrichtung, die mehr Selbstbestimmung, Selbstständigkeit und eine verbesserte soziale Teilhabe als Ziel hat. 2018 schließt die Stiftung den Dezentralisierungsprozess ab. Heute gibt es insgesamt sechs Paul Kraemer Häuser (drei in Frechen und jeweils eins in Pulheim, Stommeln und Kalk).

2013

Der Sport als Mittel zum Zweck, Menschen auch beruflich zu fördern, ist seit 2013 die Aufgabe des Zentrums für Arbeit durch Bildung und Sport (ZABS). Insgesamt fördern der Landschaftsverband Rheinland und die Bundesagentur für Arbeit als Kostenträger 24 Plätze für junge Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, die durch ein professionelles Team sportlich und pädagogisch ausgebildet werden. Die Gemeinnützigen Werkstätten Köln unterstützen als Partner die Teilnehmer*innen. Im Rahmen von Praktika lernen die Teilnehmer*innen verschiedene Berufszweige auf dem Arbeitsmarkt kennen, um sich langfristig eine Perspektive als Arbeitnehmer*in in einem Betrieb außerhalb eines geschützten Arbeitsplatzes aufzubauen. Seit September 2019 bietet das Zentrum neben Fußball auch die Sportart Judo an.

2014

2014 eröffnet die Stiftung das PRZ an ihrem Sitz in Frechen-Buschbell. 400 Aktive – Menschen mit und ohne Behinderung und jeden Alters – kommen wöchentlich dorthin. Das PRZ bietet sowohl Reittherapie und Hippotherapie als auch Pferdesport, inklusives Voltigieren und Dressurreiten für Einzelpersonen oder Gruppen. Es ist eine anerkannte Einrichtung des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR) und Landesstützpunkt Paradressur.

2015

Mit einer Schreibwerkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung bietet die Stiftung interessierten Bewohner*innen in ihren Wohneinrichtungen und ihren Kund*innen im Ambulant Betreuten Wohnen die Möglichkeit, besser Schreiben und Lesen zu lernen. Die Werkstatt gibt sich selber den Namen Blatt-Gold. Blatt-Gold schreibt Beiträge für die Stiftung sowie für externe Medien. Auch im WIR-Magazin erscheinen regelmäßig ihre Artikel. 2021 wird die Schreibwerkstatt teilweise zu einem Bildungsangebot für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung weiterentwickelt, die nun an zwei Tagen in der Woche anstelle einer Werkstatttätigkeit eine journalistische Ausbildung erhalten.

2016

Anlässlich des 100. Geburtstages von Paul Kraemer vergibt die Stiftung den Paul und- Käthe-Kraemer- Inklusionspreis. Der mit insgesamt 30.000 Euro dotierte Förderpreis unterstützt inklusive und vor allem beispielgebende Projekte und Initiativen in Deutschland, durch die Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft verbessert werden.

Mit der Tagespflegeeinrichtung „Paul und Käthe Kraemer“ hat die Stiftung ihr Leistungsangebot auf den Bereich Menschen mit Pflegebedarf ausgeweitet. Mitten in der Frechener Innenstadt bietet sie im Erdgeschoss des Gold Kraemer Hauses insgesamt 16 Tagespflegeplätze an.

Die ehemalige Kirche Alt St. Ulrich in Frechen- Buschbell ist noch auf Wunsch die Eheleute Kraemer in den Besitz der Stiftung übergegangen. Hier entstand seit 2009 ein inklusives Begegnungsund Tagungszentrum, das 2016 umfangreich barrierefrei aus- und umgebaut wird. Dort finden regelmäßig Tagungen, Seminare und inklusive Begegnungs- und Kulturveranstaltungen statt.

2017

Mit der Bildungsinitiative „Inklusion konkret – besser gemeinsam!“ startete die Stiftung zusammen mit der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, dem Rhein-Erft-Kreis, der Stadt Köln und der Stadt Frechen eine Bildungsreihe zum Thema Inklusion und jährlichen Fachveranstaltungen zu einem konkreten Themenschwerpunkt für die Fachöffentlichkeit sowie interessierte Bürger.

2019

An ihrem Verwaltungssitz in Frechen-Buschbell eröffnete die Stiftung in diesem Jahr ihren Sportkeller. Er steht offen für Menschen mit und ohne Behinderung. Geboten werden Sport-, Fitness- und Rehasportkurse auch im Wasser. Auf einer Fläche von insgesamt 300 Quadratmetern entstanden zur bereits vorhandenen Sporthalle ein barrierefreier Fitnessraum und ein Therapieschwimmbecken. Verantwortlich für die Angebote und Ansprechpartner ist der Gemeinschaftssportverein Gold-Kraemer e. V.

2020

Auch die Kunst bietet eine ideale Plattform, Teilhabe und Selbstbestimmung zu fördern. Das Inklusive Wohn- und Kunstquartier auf dem Guidelplatz in Pulheim-Brauweiler setzt mit dem kaethe:k Kunsthaus für Künstler*innen mit Behinderung neue Maßstäbe in der Kunstszene. Dort werden kunsttalentierte Menschen mit Handicap professionell gefördert. Erklärtes Ziel des Kunsthauses ist, die Teilnehmenden dahin zu begleiten, dass sie sowohl eine anerkannte Ausbildung abschließen als auch sich mit ihrer Kunst eine berufliche Existenz aufbauen können. Dazu entsteht ein weitreichendes Kooperationsnetzwerk bestehend aus Künstler*innen, Museen, Galerien, Bildungseinrichtungen und Akteuren im Bereich Kunstvermarktung. Das Kunsthaus nimmt im Spätsommer 2020 seine Arbeit auf.

2022

Die Gold-Kraemer-Stiftung feiert ihr 50jähriges Bestehen – und blickt zurück auf eine reiche Geschichte sowie eine lebendige Gegenwart, von der in der vorliegenden Jubiläumsschrift erzählt wird.

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