Günter Oelscher

Historisch wissen wir, dass im 18. und 19. Jahrhundert geistig behinderte Menschen als krank galten und entsprechend als Kranke behandelt wurden. Eine pädagogisch ausgerichtete Förderung setzte sich zunehmend erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch. Die neue Sozialgesetzgebung ab Mitte der 1960er Jahre und später auch das SGB IX stellte einen weiteren Paradigmenwechsel für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft dar.

Das Jahr 2009 - die Anerkennung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen durch den Bundestag als geltendes Recht in Deutschland - markiert aus mehreren Gründen einen besonderen Wendepunkt: Der Mensch steht fortan im Mittelpunkt der Eingliederung in die Gesellschaft. Heute steht die Selbstbestimmung des behinderten Menschen im Vordergrund, er soll sein Leben so gestalten, wie er es leben möchte. Dazu zählen alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens: Wohnen, Bildung und Ausbildung, Berufswahl und Berufstätigkeit, Teilhabe am sportlichen und kulturellen Leben, etc.

Aber wenn wir genauer hinschauen, dann sind es mitnichten nur Menschen mit Behinderungen, die bei ihrer Lebensgestaltung Hilfe benötigen. Tatsächlich braucht jeder von uns an irgendeiner Stelle in seinem Leben Hilfestellungen - ob als Kind, Jugendlicher oder alter Mensch, ob im Rahmen des beruflichen Werdegangs oder im privaten Umfeld. Keiner von uns kommt immer ohne die Hilfe des Anderen aus.  Für jeden von uns ist unsere Solidargemeinschaft keine Einbahnstraße. Wir nehmen und geben gleichermaßen. Wir können auch von behinderten Menschen lernen. Jeder – auch mit noch so vielen Einschränkungen –  vermag einen ganz wichtigen Beitrag in unserer Gesellschaft und für unsere Gesellschaft zu erbringen. Und sei es durch deren liebenswerte Spontanität.  

Das christliche Menschenbild hilft uns, den heutigen Begriff der Inklusion auf ganz selbstverständliche Art zu leben und zu praktizieren.

Lassen wir uns hier einmal vom christlichen Menschenbild leiten. Der Mensch - biblisch ausgedrückt – ist Abbild Gottes, also in seiner Ganzheit ein unverzichtbarer Teil unserer Gemeinschaft. Erst die Vielfalt, die Fülle an Lebensformen und Lebensweisen, zeigt uns auf, wie reich unsere Gesellschaft ist. Es zählt der Respekt, die Achtung und die Wertschätzung voreinander. Das achtsame Miteinander muss die Maxime sein. Dann gelingt auch Inklusion, die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Eine Gesellschaft, die bei allen Mitmenschen Potentiale und Talente weckt.

Ich freue mich sehr darauf, im Rahmen meiner Tätigkeit im Vorstand der Gold-Kraemer-Stiftung an dieser Gesellschaft bei uns direkt vor der eigenen Haustüre mitwirken zu können. Die vielfältigen Leistungen und Angebote der Gold-Kraemer-Stiftung sind für mich ein wunderbares Beispiel dafür, dass Teilhabe und Selbstbestimmung ganz konkret und unmittelbar gelingen können, von Mensch zu Mensch.   

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